access_time veröffentlicht 28.06.2017

Fachchinesisch

Bernhard Gurtner

Anamnestik

Fachchinesisch

28.06.2017

Droge oder Noxe?

Viele achten im ärztlichen Gespräch darauf, medizinische Fachausdrücke zu vermeiden, um Missverständnissen vorzubeugen. Andere kümmert das weniger, oder sie sind sogar wie Jules Romains’ geschäftstüchtiger «Knock» [1] der Überzeugung, dass geheimnisvolle Worte den Nimbus eines Doktors fördern. Oft gewinnt man ja den Eindruck, dass Heilmittel umso mehr Gläubige finden, je exotischer sie benannt sind. Zudem gibt es auch googelnde Kunden, die mit medizinischer Terminologie beweisen wollen, dass sie sich bestens informiert haben. Sie finden es unprofessionell, wenn der Arzt volkstümliche Begriffe benützt und lassen sich lieber wegen einer Gastroenteritis als bloss wegen einer Magenverstimmung behandeln.    

Vielleicht soll man Befunde möglichst einfach erklären, darf dann aber die Diagnose hochwissenschaftlich etikettieren. Jedenfalls ist es gut, wenn wir den eigenen Wortschatz und Sprechstil immer wieder selbstkritisch überprüfen. Man wird darauf achten, sich dem Fassungsvermögen der Gesprächspartner anzupassen, aber nicht seinem Sprachstil anzubiedern. Empathie kann auch einmal zu weit gehen. Es tönt nicht gut, wenn ein Zürcher ins Pseudo-Berndeutsch kippt, weil ihn ein Emmentaler aufsucht; grauhaarige Ärzte, die Modeausdrücke der Kids verwenden, sind nicht megageil.

1 Jules Romains, Knock ou le Triomphe de la médecine. Gallimard, 1924.

 

Bildnachweis: National Library of Australia; Wikimedia Commons

Bernhard Gurtner

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