access_time veröffentlicht 27.12.2017

Fieberkurven

Edy Riesen, Redaktor Primary and Hospital Care

Nachgedacht

Fieberkurven

27.12.2017

Eine Fieberkurve? Aber nein, halt, das ist ja eine Grafik des Aktienkurses ...

Freitag 1. September 2017. In der Basellandschaftlichen Zeitung (Nordwestschweiz) finde ich den Titel «Roche kuriert Nebenwirkungen des neuen Novartis-Medikaments» [1] und als Illustration dazu ein Bild, das zwei Mitarbeitende in Overalls der Firma bei der Herstellung des Medikamentes Kymrhia™ zeigt. Das innovative Medikament wurde soeben in den USA zugelassen. Daneben eine Fieberkurve die ansteigt. Aber nein, halt, das ist ja eine Grafik des Aktienkurses der Firma seit 2011. Im Text steht dann tatsächlich etwas von möglichen schweren Nebenwirkungen, unter ­anderem hohes Fieber. Meine Verwirrung ist komplett, klärt sich aber, als ich bemerke, dass ich auf der Wirtschaftsseite der «BZ» gelandet bin. Damit wird mir ­wieder einmal bewusst, welch unheilige Allianz in der Medizin besteht: Auf der einen Seite die Onkologen, die das Beste herausholen wollen für ihre jungen Pa­tienten. Das Medikament ist zugelassen für akute ­lymphatische Leukämien bis 25 Jahre. Auf der anderen Seite die Aktionäre, Börsenhändler und Analysten, die, wenn man es böse formuliert, nur den Zaster im Kopf haben. Mittendrin die Forscher, die man nicht bremsen kann in ihrem Eifer, zu entdecken und zu entwickeln. Was meinen die Behörden, die Kassen, die Ärzte? Die Therapie soll 470 000 Dollar kosten. Wird sie überall und für alle jungen Pa­tienten erschwinglich sein? Das darf mit Recht bezweifelt werden. 

In meinem Kopf herrscht wieder einmal Konfusion: In meinem bisherigen Leben habe ich das Scheitern der Planwirtschaft im Sozialismus mitbekommen, ein (zu) grosszügiges Sozialsystem in Holland (in den 70er und 80er Jahren) beobachten können und eine korrupte Verwaltung in Peru kennengelernt. Aufgrund dieser Erfahrungen komme ich zum Schluss, dass die soziale Marktwirtschaft das kleinste aller Übel ist. Aber immer wieder stosse ich mich an der Nähe von Medizin und Geschäft. Sehe vor mir ein an Leukämie erkranktes Kind, sagen wir in Rumänien oder Chile, und auf der anderen Seite den Börsenhändler auf seiner Yacht, den Aktionär auf dem Golfplatz. Vielleicht sind das die Schuldigen, wenn eben dieses imaginierte Kind keine Therapie mit Kymrhia™ bekommt und sterben muss? Ich weiss, meine Gedanken sind auf die Spitze getrieben, aber unrealistisch sind sie nicht, denn die Pharmafirmen müssen Gewinne machen und sie sind der Gier von Investoren und Finanzkapitänen ausgeliefert. Sind sie das wirklich?

Darum kann ich mich nicht immer aufrichtig freuen angesichts der euphorischen Ankündigungen eines innovativen Medikamentes. Es bleibt beim Lesen dieses Zeitungsartikels ein schaler Geschmack zurück und die bange Frage, ob die Fieberkurve des Aktienmarktes wichtiger ist als die Fieberkurve und das Leben eines Kindes.

Literatur
1 Schuppli Stefan. Roche kuriert Nebenwirkungen des neuen Novartis-Medikaments, BZ Basel, 1.9.2017. 

Bildnachweis: © Vimax001 | Dreamstime

Edy Riesen

Redaktor Primary and Hospital Care

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