access_time veröffentlicht 18.04.2018

Für und Wider in der Medizin

Edy Riesen, Redaktor Primary and Hospital Care

Nachgedacht

Für und Wider in der Medizin

18.04.2018

Soll man das Trampolinspringen verbieten, weil sich so viele Kinder dabei die Knochen brechen? Lohnt sich die Vorsorgeuntersuchung der Prostata, auch wenn man sehr viele Screenings machen muss, um ein Menschenleben zu retten? Nicht immer sind die Antworten eindeutig.

Es gibt in der Medizin viele eindeutige Situationen, in denen man Entscheide rational fällen kann. Das heisst für uns Ärzte konkret, dass Erfahrungen und Daten aus kontrollierten Studien vorliegen. Beispiel: Bei einer Sofort-Allergie auf Insektenstiche gibt es klare Richtlinien, umso mehr als man bei einem solchen Notfall keine Zeit für lange Diskussionen hat. Je nach Schweregrad werden Tabletten oder Injektionen eingesetzt, eine Infusion angelegt und sogar Adrenalinspritzen oder Sprays für die Lunge bereit gestellt. 


Wann nützt Antibiotika?
Aber die Medizin kennt in vielen Situationen keine eindeutigen Antworten. Beispiel: Bei einer Entzündung der Nasennebenhöhlen weiss man aus Studien, dass man nicht schon nach zwei, drei Tagen Schnupfen ein Antibiotikum geben soll, weil solche Entzündungen fast immer als Virusinfektionen beginnen. Nach sieben bis zehn Tagen nimmt die Chance zu, mit einem Antibiotikum einen Treffer zu landen, weil dann in einigen Fällen Bakterien auf die Schleimhäute sitzen. Aber da es keine schlüssigen und sicheren  Kriterien bei der Untersuchung, im Labor und für Röntgenaufnahmen gibt, bleibt der Entscheid für eine antibiotische Therapie letztlich doch dem Arzt und seinem Patienten überlassen. Ob die Therapie nützt, ist nicht 100% sicher, vielleicht löst sie sogar einen Durchfall, einen Scheidenpilz oder einen Hautauschlag aus. Es heisst also das Für und Wider abzuwägen! 


Zwei Fragen
Kürzlich wurden mir zwei Fragen aus zwei ganz unterschiedlichen Gebieten gestellt: 
1. Ist Trampolinspringen für die Kinder gefährlich? (Sie kennen alle diese Trampolinmonster, die die halbe Rasenfläche eines kleinen Gartens verunstalten) 
2. Was rät der Hausarzt seinen männlichen Weggefährten betreffend Vorsorgeuntersuchung der Prostata? 

Beide Themen passen ganz ausgezeichnet zum Titel dieses Beitrages. Natürlich fördern die (optisch schrecklichen) Trampolins die Geschicklichkeit unserer Kinder und Grosskinder, verbrauchen Kalorien und stillen den Bewegungsdrang. Aber ebenso klar ist, dass es dabei zu Unfällen kommt. Unterdessen gibt es sogar die Beschreibung einer eigentlichen «Trampolinfraktur» am oberen Schienbein. Eines unserer zehn Grosskinder, in seiner Familie die Nummer vier, ein typisches «Buebemeitli», hat trotz Netz auf dem Trampolin das Schlüsselbeinchen gebrochen. Ein solch schmerzverzerrtes Gesichtchen fährt auch dem alten Landarzt immer wieder in die Knochen. Aber die Schlüsselbeine heilen ohne Therapie rasend schnell, und schon sah ich unsere kleine Piratin wieder wild hüpfend, Sie dürfen dreimal raten, wo! 
Wir kommen in unserem Eifer, jeden Schaden zu verhindern, immer mehr in den Bereich des sogenannten Grenznutzens. Mit noch mehr Verboten und Einschränkungen verhindern wir zwar einige Unfälle, aber vielleicht futtern wir noch viel mehr Kindern mit einer Aufmerksamkeitsstörung Ritalin, sehen noch mehr übergewichtige und träge Menschlein, die lieber «gamen als jumpen» und vieles mehr. Ich glaube fest, dass unsere Kinder so viel Freiheit, Bewegung, Dreck und Nässe wie möglich erleben sollten. Aber alles hat eben seinen Preis! 


Sorgen der Patienten ernst nehmen
Zur zweiten Frage. Soll der Hausarzt eine Vorsorgeuntersuchung für Prostatakrebs empfehlen? Es gibt kaum ein Beispiel, an dem sich Für und Wider in der Medizin so deutlich zeigen. Der Epidemiologe rechnet uns mit biostatistischen Methoden vor, dass sich die Vorsorge «nicht lohnt», denn man muss offenbar 1500 Männer «screenen» und 50 aufgespürte Karzinome behandeln (Operation oder Bestrahlung), um ein Männerleben zu retten. Also sollte man es streng wissenschaftlich gesehen nicht machen. 
Der Patient in der Sprechstunde ist aber ein 50-jähriger Mann, der vor Kummer und Angst nicht mehr schläft, weil sein 62 Jahre alter Bruder mit einem metastasierenden Prostatakrebs im Sterben liegt. Dieser Patient will alles tun, was möglich ist, um nicht das gleiche Schicksal zu erleiden. Menschen sind keine Statistik. Der Hausarzt wird also das prostataspezifische Antigen (PSA) im Serum bestimmen lassen und die Drüse abtasten. Wenn Labor- oder Tastbefund unverdächtig sind, wird der Patient alle ein bis zwei Jahre zu einer Kontrolle aufgeboten. Wenn sie verdächtig sind, wird er an den Urologen überwiesen, der den Befund biopsieren wird, sofern dies wirklich nötig ist. Manchmal ist der Befund dann eindeutig gut, manchmal finden sich Tumorzellen. Nicht immer wird dann operiert oder bestrahlt, denn heute wird je nach Aggressivität des bösartigen Gewebes auch einmal eine aktive Überwachung über Jahre empfohlen. Für unseren Patienten könnte das jahrelange Ungewissheit bedeuten. All dies zeigt, dass neben der Technik eine individuelle und empathische Begleitung ganz wichtig ist. Der Arzt muss sich in diesen Fällen darauf einlassen, die Unsicherheit mit dem Patienten zu teilen und zu ertragen. Meine Antwort heisst also: Prostatavorsorge ja, wenn der Betreffende gewillt ist und die möglichen Konsequenzen kennt. Falsch ist, Druck für ein Screening aufzusetzen, denn wissenschaftlich hat ja der Mann recht, der die Vorsorge nicht will.
 

Diesen Artikel schrieb der Autor im Auftrag des Grosseltern-Magazins, das monatlich eine seiner Kolumnen publiziert www.grosseltern-magazin.ch. Die PHC-Redaktion dankt "Grosseltern" für die Erlaubnis, die Kolumnen auf dieser Website zu publizieren.

Bildnachweis: © Martin Novak | Dreamstime.com

Edy Riesen

Redaktor Primary and Hospital Care

Bloggen Sie mit!

Wollen Sie auch einen Blogbeitrag publizieren? Dann schreiben Sie uns!

Mail an Redaktion