access_time veröffentlicht 28.08.2017

Hausärzte als Promotoren von Hausarztpraxen

Edy Riesen, Redaktor Primary and Hospital Care

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Hausärzte als Promotoren von Hausarztpraxen

28.08.2017

Interview mit Max Handschin vom Projekt "PraxisPro AG".

Neben selbsternannten Managern im Gesundheitswesen, Krankenkassen, Grossverteilern usw. gibt es immer wieder Ärzte, die sich engagieren bei der Übergabe und beim Neustart von Praxen. Einige meiner Freunde aus dem Oberen Baselbiet, teilweise enge Vertraute aus dem langjährigen Qualitätszirkel haben eine Gruppe gebildet, die Beratungen, Anschubfinanzierung und Begleitung von jungen Kolleginnen und Kollegen anbietet. Ich wollte Näheres erfahren und habe mit meinem ehemaligen Schulfreund und immer noch teilzeit tätigen Kollegen, Max Handschin ein Interview geführt. Ich weiss, dass es noch viele weitere Initiativen im Land gibt. Es wäre interessant zu vernehmen, welche Erfahrungen andernorts gemacht werden. Es ist zu schade, wenn das Feld mehr und mehr den eingangs erwähnten Akteuren überlassen wird, denn schliesslich sind deren Projekte  alle gewinnorientiert und Gewinne müssen erwirtschaftet werden. Neu müssen neben den Ärztinnen und Ärzten auch Aktionäre, Manager, Verwalter etc. "bedient" werden. Wie das für die beteiligten Praktiker aufgehen soll ist mir schleierhaft. Das Abgeben von Verantwortung und das Vermeiden von persönlichem Risiko sowie das Arbeiten zu Bürozeiten haben jetzt schon (sichtbar in mir bekannten von aussen verwalteten Praxen) einen hohen Preis. Die Arztlöhne sinken, Abhängigkeiten, Kontrollen und Vorschriften nehmen zu in einem Ausmass, das ich persönlich nie toleriert hätte. Projekte wie das hier kurz vorgestellte sind typisch schweizerisch: klein, föderalistisch resp. regional, mit präziser Kenntnis der Geografie, Bevölkerung, Ansprüchen, Versorgungsdichte etc. und schlussendlich einer realistischen Chancenabwägung. Solche Projekte helfen, die Praxen als unabhängige Kleinunternehmen weiterzuführen. 

Max Handschin, wie ist das Projekt "PraxisPro AG" entstanden?
Die PraxisPro AG ist entstanden aus einer typischen Situation in der heutigen Zeit: Eine seit über 30 Jahren bestehende Arztpraxis in Arisdorf (BL) drohte geschlossen zu werden. Ein Bewohner wehrte sich dagegen und bot an, in ein Gebäude zu investieren, das Platz bietet für eine neue, moderne Hausarztpraxis, einen Dorfladen und ein Café sowie Wohnungen. Für die Realisierung der Arztpraxis suchte er einen Treuhänder, der Arztpraxen schon seit langem betreut, und die Unterstützung von erfahrenen Hausärztinnen und Hausärzten aus der Gegend. So wurde die PraxisPro AG gegründet.

Was sind die konkreten Leistungen, die PraxisPro AG anbietet, gegliedert nach Beratung/Vermittlung/Finanzierung?
Die PraxisPro AG bietet Beratung rund um die Nachfolgeplanung und -regelung von Arztpraxen in der Nordwestschweiz und deren Betrieb. Dazu gehören Beteiligungen/Finanzierungen, die zentrale Abwicklung administrativer Tätigkeiten und das Coaching durch erfahrene Hausärzte.

Kannst Du mir ein konkretes Beispiel schildern?
Eine Praxis konnten wir vermitteln, nachdem die beiden Interessierten sich nicht einigen konnten. Wir haben mit beiden Partnern eine bindende Absichtserklärung abgeschlossen und konnten so den Kaufpreis und die Bedingungen mit beiden separat aushandeln und schliesslich einen für beide Seiten zufriedenstellenden Vertrag zum Abschluss bringen.

Wie sieht das Publikum aus?
Es sind sowohl junge Hausärztinnen und Hausärzte, oft aus der Organisation JHaS (Junge Hausärztinnen und-ärzte Schweiz), jedoch auch Ausbildner von Hausärzten an Kliniken und das Universitäre Zentrum für Hausarztmedizin beider Basel (uniham-bb) und natürlich die interessierten Abtretenden und Übergabewilligen.

Was sind positive Indikatoren für die Chance einer erfolgreichen Praxisübergabe? 
Aus unserer Erfahrung gelingt die Praxisübergabe oft problemlos, wenn in der Praxis Studenten anwesend waren im Sinne eines Tutoriats oder von Gruppenunterricht. Falls Assistentinnen und Assistenten ausgebildet wurden und die Praxis adäquat modernisiert wurde und eine Offenheit gegenüber dem Wandel der Zeit besteht, erhöht sich die Chance. Haben die Inhaber sich sogar an der Universität an der Weiterbildung der Studenten engagiert, steigt die Wahrscheinlichkeit nochmals.

Was sind die grössten Hindernisse?
Wir erleben immer wieder, dass Ärzte jahrelang in einer Praxis gearbeitet haben und überzeugt sind, dass man in dieser Praxis ohne grossen Wandel weiter arbeiten und sein gutes Geld verdienen könnte. Vielleicht gibt es Glücksfälle, bei denen dies gelingt und ein Einzelkämpfer übernimmt. Der heutige Alltag ist jedoch verschieden: Da über die Hälfte der Mediziner Frauen sind, werden die zukünftigen Arztpraxen auch mehrheitlich von Frauen betrieben werden und dies hat Konsequenzen. Vor allem wenn heranwachsende Kinder da sind, arbeiten die Frauen (und zunehmend auch Männer) nur Teilzeit, und das bedingt eine Mehrpersonenpraxis mit entsprechender Organisation und Infrastruktur. Dafür sind etliche Praxen nicht vorbereitet.

Ich habe von Eurem „slow dating“ gehört, das grossen Anklang gefunden hat. Wie sieht das konkret aus?
Dies ist für uns eine Erfolgsgeschichte: Nach einer kurzen Einführung über die PraxisPro AG stellten sich die jüngeren sowie die älteren Ärztinnen und Ärzte dem Plenum vor - einige mündlich und ganz zwanglos, andere mit einer detaillierten Power-Point Präsentation inkl. Bilder. Oder es bestand die Möglichkeit, sich durch ein Mitglied der PraxisPro AG vorstellen zu lassen. Nachdem etliche Fragen der vor allem jüngeren Ärzte und Ärztinnen beantwortet wurden, konnte man sich bei einem Apéro besser kennenlernen. Im Unterschied zu einem Speed-Dating ergaben sich mehr und intensivere Möglichkeiten, nach geeigneten "Partnern" Ausschau zu halten. Dies war der erste Anlass dieser Art, der unsere Organisation veranstaltete. Es wurde eifrig diskutiert und Adressen ausgetauscht. Wir waren überrascht und sehr erfreut, bereits beim ersten Mal eine Teilnehmerzahl von 40 Personen begrüssen zu dürfen. Die Aufgabe der PraxisPro AG war, möglichst viele junge und ältere Ärzte miteinander bekannt zu machen und sie auf spezielle Eigenheiten der unterschiedlichen Praxen hinzuweisen.

 

Bildnachweis: © Mrdoomits | Dreamstime

Edy Riesen

Redaktor Primary and Hospital Care

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