access_time veröffentlicht 28.02.2018

Im Griff der Depression

Edy Riesen, Redaktor Primary and Hospital Care

Nachgedacht

Im Griff der Depression

28.02.2018

Die Begleitung von depressiven Menschen ist eine der schwierigsten Aufgaben für einen Hausarzt. Doch eine Depression ist behandelbar. In schwereren Fällen werden heute konsequent Medikamente eingesetzt.

An jenem Wintermorgen im Januar 2016 glitzerte eine dünne Schneedecke in der Sonne vor dem Waldrand, sodass das gewöhnliche Grasland wie verzaubert da lag. Als Halbpensionierter konnte ich mir den Luxus leisten, an einem Donnerstag einen leichten Lauf über diesen Wunderteppich zu absolvieren. Innert Minuten war ich in einer Hochstimmung. Meine Botenstoffe heizten offensichtlich die Synapsen richtiggehend auf. Ob es nun Endorphine waren oder ein Botenstoff wie Serotonin, Adrenalin, Dopamin oder alles zusammen, war unwichtig. Es war diese Leichtigkeit des Seins, für die schon manch ein König sein Reich verschenkt hätte. Man muss wissen, dass ich ein guter Geher, aber kein grossartiger Läufer bin, dass aber dieser Lauf – zusammen mit der gleissenden Winterlandschaft, der kalten frischen Luft und dem Gefühl, frei zu sein – ein Glücksgefühl erzeugte. Das ist nun über ein Jahr her und doch immer noch wie eingebrannt in meiner Erinnerung. Das ist es, was man depressiven Menschen wünscht: Momente des Glückes, des Wohlbefindens und der Zufriedenheit mit sich selber. 

Depressionen sind behandelbar

Aus Sicht des Hausarztes gibt es verschiedene Gruppen von depressiven Patienten. Ich habe nicht den Anspruch, die (übrigens auch von prominenten Psychiatern umstrittene) amerikanische Klassifikation der Depressionen zu beherrschen. Ich überlasse das lieber den Fachspezialisten. In der Praxis ist es wichtig zu erkennen, ob sich der Hausarzt die Behandlung zutraut oder ob er sie lieber an den Psychiater delegiert. Der wichtigste Satz dieses Artikels heisst aber: Eine Depression ist behandelbar! Und der Nachsatz heisst: Der Arzt soll einen Depressiven nie aufgeben. Die Begleitung und Behandlung von Depressiven gehört zu den schwierigen Aufgaben der Hausarztpraxis. Sie ist aber auch unendlich dankbar. 

Zwei verschiedene Arten

Viele Menschen reagieren mit einer Depression völlig verständlich auf Krankheit, den Verlust von Arbeit, den Tod von Angehörigen, Schwierigkeiten in der Beziehung und anderes mehr. Wir sprechen von einer adäquaten Reaktion. Trauer darf sein, eine Schlafstörung wegen Problemen am Arbeitsplatz versteht jeder gut, und eine solche darf man auch kurzfristig medikamentös behandeln, natürlich begleitet von Gesprächen. Die Angelsachsen sprechen von einer «Minor Depression». In Studien zeigen Gespräche gleich gute Resultate wie Psychopharmaka, was umgekehrt heisst, dass bei diesen leichteren Verstimmungen die Medikamente nur nach reiflicher Überlegung eingesetzt werden sollen. 

Ganz anders sind die schweren Depressionen («Major Depression» oder früher «endogene Depression»), denen wahrscheinlich fast immer eine Veranlagung zugrunde liegt, vielleicht sogar ein biologischer Mangel an Botenstoffen. Die Betroffenen haben – manchmal auch grundlos – immer wieder Episoden von schwerer Bedrückung, Antriebslosigkeit, Schlaf- und Appetitstörungen, oft verbunden mit dem Gefühl der Auswegs- und Endlosigkeit. Sicher spielt der Hausarzt auch hier eine wichtige Rolle, indem er Körper und Stoffwechsel untersucht (zum Beispiel auf Schilddrüsenstörung, Blutarmut, Darmerkrankungen etc.). 

Medikamente wirken oft Wunder

Die spezielle Therapie übernimmt in einer kollegialen Zusammenarbeit oft der Psychiater. Obwohl es bei den Psychiatern verschiedene Lager gibt (eher biologisch orientierte oder eher psychodynamisch ausgerichtete), besteht doch ein Konsens, dass diese schweren Krankheiten konsequent und zum Teil hochdosiert medikamentös behandelt werden sollten. Ich sage das nicht zu laut, aber in einigen Fällen habe ich fast an Wunderheilungen grenzende Erfahrungen miterleben dürfen. 

Ganz immer klappt es aber nicht mit den Medikamenten, und manche dieser chronisch Depressiven bleiben viele Jahre lang in Behandlung. Die endgültige Kapitulation angesichts der Hölle auf Erden ist der Suizid, etwas, das uns alle immer wieder enorm belastet und das wir als Ärzte im gewissen Sinne auch als Niederlage erfahren. Über dieses schwierige Kapitel sollte ich vielleicht besser in einem anderen Beitrag berichten. 

 

Diesen Artikel schrieb der Autor im Auftrag des Grosseltern-Magazins, das monatlich eine seiner Kolumnen publiziert www.grosseltern-magazin.ch. Die PHC-Redaktion dankt "Grosseltern" für die Erlaubnis, die Kolumnen auf dieser Website zu publizieren.

 

Lesen Sie zum Thema Depression auch den in der nächsten Ausgabe 5 von Primary and Hospital Care erscheinende Artikel "Richtlinie von mednetbern - Guidelines für Grundversorgende: Depression". Die Ausgabe 5 erscheint am 7.3.18.

 

Bildnachweis: © Alexander Smirnov | Dreamstime.com

Edy Riesen

Redaktor Primary and Hospital Care

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