access_time veröffentlicht 21.06.2018

Männerpause - der Mythos vom Testosteron

Edy Riesen, Redaktor Primary and Hospital Care

Nachgedacht

Männerpause - der Mythos vom Testosteron

21.06.2018

Das ist die letzte Kolumne aus der Serie "Grosseltern" von Edy Riesen. Vielen Dank nochmals der Redaktion des Magazins "Grosseltern" für die Erlaubnis, die Kolumnen in unserer Kategorie "Nachgedacht" im Online-Magazin zu publizieren.

Es ist nicht viel dran am Testosteron-Mythos. Das fand Edy Riesen schon lange. Studien bestätigen nun diese Ahnung. Mann kann trotzdem würdig altern. Der Hausarzt weiss auch wie.

Auf der «Ewigen Gesetzestafel» für die Mediziner gibt es eine in Stein gemeisselte Regel: Du sollst keine Artikel ernst nehmen, wenn auf der Seite gegenüber, davor oder dahinter das Präparat beworben wird, von dem der Artikel handelt. Im internationalen Mediziner-Jargon ist dies ein sogenannter Conflict of Interest. Vor Jahren bin ich deshalb stutzig geworden, als ein Kollege, ein «Männerspezialist», in einem Artikel Testosteron bei nachlassendem Hormonspiegel des alternden Mannes propagierte. Dabei wurden Wunderdinge versprochen, neben dem männlichen «Ein-und-Alles» – der sexuellen Potenz – auch Vorbeugung von Diabetes, Demenz (!), Osteoporose und anderes mehr.  Auf der Reklameseite daneben sah man einen auf Hochglanz polierten, topfitten Athleten mit Stoppelbärtchen und – wie ein Fanal – einem Streifen Testosteron-Gel auf der Brust. 
Der Abfall des Testosterons beim Mann kann durchaus ab 50 Jahren beginnen, führt aber nie in der gleichen Häufigkeit zu Symptomen wie bei den Frauen. Jetzt sollten wir Hausärzte also auch bei unseren älteren Männern Hormone messen und bei tiefen Spiegeln ersetzen. Die Hersteller von Hormonpräparaten (Gel, Tabletten, Ampullen) würden es uns danken. Intuitiv habe ich mich dagegen gesträubt, hatte aber zuweilen ein schlechtes Gewissen, was ich meinen armen «Altersgenossen» wohl vorenthalten würde. 
Einige Jahre später hat sich nun die Situation aufgrund von seriösen Studien geklärt. Es ist nicht viel dran am Testosteron-Mythos. Zuerst muss aber noch eine Klärung erfolgen. Es gibt Männer (und dies auch schon in jungen Jahren), die unter einem Testosteronmangel leiden, zum Beispiel wegen eines genetischen Syndroms, wegen Krankheiten, starken Medikamenten oder einer Entfernung der Hoden. Bei diesen Männern, die deutliche Symptome wie vergrösserte Brustdrüsen, fehlende Körperbehaarung, Wallungen und mehr haben können, ist der dauernde Ersatz des Hormons mit Depotspritzen hilfreich und unbestritten. Meist werden diese Patienten von einem Endokrinologen vorher genau abgeklärt.

Die Hoffnung Testosteron
Ich spreche aber hier zum Beispiel von einem gesunden, sportlichen 60-jährigen Herrn X., der in die Sprechstunde kommt und unter seiner nachlassenden Libido leidet, keine gute Erektion mehr bekommt, beim Jogging langsamer wird und etwas depressiv ist. Er hat vom Testosteron gehört und es auch gegoogelt. Was soll ihm der Hausarzt erzählen? Man hat sich vor zwanzig Jahren noch vorgestellt, dass Energie und Motivation, Stimmung, körperliche Leistung, Muskelkraft und auch die Potenz mit der Gabe von Testosteron zu verbessern wäre. Kurz, man könne das Alter hormonell hinausschieben. Die amerikanische FDA (Food and Drug Administration) warnte 2015: Es gibt keinen objektiven Nutzen für die oben erwähnten physischen Aspekte, für die Vitalität, für den Schutz vor Herz-Kreislauf-Krankheiten und Demenz! Bezüglich Potenz sind die Daten viel weniger robust als für die Mittel, die auf die Durchblutung des Schwellkörpers wirken (z.B. Sildenafil). Der Kommentar der jungen Endokrinologin, die uns Hausärzte kürzlich in einem hervorragenden Referat ein Update lieferte, lautete: Die Hoffnung aufs Testosteron ist gedämpft, wenn nicht erloschen. 

Würdig Altern ohne Testosteron 
Es ist aber nicht so, dass Testosteron keine Wirkung hat. Diese machen sich leider die jungen Männer zunutze, die sich in den Kraftzentren Muskelpakete zulegen und (oft illegal) Testosteron spritzen, mit teilweise gravierenden Folgen. Eine gewisse Wirkung hat das Hormon beim älteren Mann auf die Sexualfunktion, die Knochendichte (Osteoporose) und auf die Muskelmasse und Kraft.  Aber das Problem sind die vielen möglichen Nebenwirkungen wie Akne, Vermehrung der Blutkörperchen, Zunahme des Cholesterins und anderes mehr. Gesamthaft betrachtet sorgt Testosteron für mehr Schaden als Nutzen und für ein erhöhtes Risiko.
Liebe Männer, lasst uns würdig altern. Testosteron sollte nur für ausgewählte Fälle und nur nach seriöser Abklärung genommen werden. Wenn die Sexualität nachlässt, sind Viagra und Co. eine gute und oft wirksame Option. Viel besser als alle Substanzen sind die Liebe, feines, vernünftiges Essen, Bücher, Filme, Theater, Bewegung, Bewegung, Bewegung, Wandern, Velofahren, Reisen, Gärtnern, Basteln, Malen, geistige Tätigkeit (Lesen und Diskutieren), soziales Engagement, Rhythmus beim Tanz und in der Musik, treue Freunde und junge Leute um sich (Grosskinder!)  und ... Zuversicht für ein gutes Alter.

Diesen Artikel schrieb der Autor im Auftrag des Grosseltern-Magazins, das monatlich eine seiner Kolumnen publiziert www.grosseltern-magazin.ch. Die PHC-Redaktion dankt "Grosseltern" für die Erlaubnis, die Kolumnen auf dieser Website zu publizieren.

Bildnachweis: © Anton Dotsenko | Dreamstime.com

Edy Riesen

Redaktor Primary and Hospital Care

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