access_time veröffentlicht 01.11.2017

Mater dolorosa

Edy Riesen, Redaktor Primary and Hospital Care

Nachgedacht

Mater dolorosa

01.11.2017

Schmerzen können ganz unterschiedliche Ursachen haben – manchmal auch solche, für die die Schulmedizin keine Lösungen hat.

Die Heilige Maria, die Mutter von Jesus, ist seit vielen Jahrhunderten der Urtyp der Mutter, die an Schmerzen leidet, weil sie ihr Kind verloren hat. Es ist nicht in erster Linie der körperliche Schmerz, sondern die Seelenpein, die diese Frau charakterisiert. Ich habe selbst keine Beziehung zu Heiligen, aber diese archetypischen Figuren bestimmen unser aller Denken, Wahrnehmen, Fühlen und Sein bis heute. 

Frau M.D., eine moderne Mater dolorosa, kam vor langer Zeit zu mir in die Sprechstunde. Sie wurde vorher während Jahren in Deutschland wegen chronischer Schmerzen abgeklärt und behandelt. Neurologen, Psychiater, Rheumatologen, Hausärzte und diverse Therapeutinnen bemühten sich redlich. Alle Versuche schlugen fehl, Medikamente verursachten höchstens Nebenwirkungen. Als sie wegen des Wohnortwechsels mit diesem schweren Rucksack zu mir kam, wurde mir bald klar, dass es nicht mein Ziel sein konnte, sie von den Schmerzen zu befreien. Sie hatte den ganzen Kreuzweg von Gesprächstherapien bis zur Schmerzklinik inklusive stationärer Aufenthalte absolviert. Was sollte ich denn da noch tun? Der Arzt soll «frech denken und vorsichtig handeln» (Watzlawik). An das versuchte ich mich zu halten.

Ich konnte in Erfahrung bringen, dass meine neue Patientin ihren halbwüchsigen Sohn plötzlich verloren hatte. Auch wenn sie selbst meinte, der Tod des Sohnes spiele hinsichtlich der Schmerzen keine Rolle, haben sich meiner Meinung nach die tiefe Trauer und der Kummer eingegraben und verursachen körperliche Schmerzen. Diese Schmerzen gehören zur schwierigsten Kategorie, denn es gibt kein Substrat dafür, also keine kranken oder beschädigten Muskeln, Knochen, Sehnen, Organe, Nervenbahnen oder anderes. Die Schmerzen sind nicht materiell. Unsere moderne Medizin ist analytisch und geht bis in die molekularen Strukturen davon aus, dass es fast immer eine biochemische oder physikalische Ursache für Schmerzen gibt. Frau M.D. lässt darum alle konventionellen Mediziner auflaufen. Niemand sieht ihr den Schmerz an. Wenn man sie länger kennt, bemerkt man zwar eine leise Melancholie, aber sie hat eine tadellose Haltung, ist elegant gekleidet und sieht damit jünger aus als sie ist. Sie hat kleinere Leiden wie alle Menschen: Erkältungen, Magenbrennen oder einen Hautausschlag, und die kann der Hausarzt recht gut behandeln. Die wandernden Schmerzen aber bleiben. 

Erstaunliche Geduld

Ich erkläre ihr immer wieder, dass ich wisse und ihr glaube, dass sie Schmerzen verspüre, auch wenn man keine Erklärung dafür finde. Sie darf klagen, und ich muss es aushalten. Sie ist loyal und hat höchstens auf meine Empfehlung gelegentlich Spezialisten aufgesucht. Wir brauchen immer mehr als eine Viertelstunde für den Austausch. Wir haben eine ganz erstaunliche Geduld entwickelt, wobei ich meine, sie hat mehr Geduld mit mir als umgekehrt.  Medizinisch passiert nicht viel, und doch kommt sie immer wieder vorbei. Sie erträgt den Schmerz, und ich gebe mir Mühe, nicht immer wieder in einen unnötigen Aktivismus zu verfallen und dies und jenes auszuprobieren. Sie hat mich gelehrt, meine Frustration auszuhalten. Man will doch ein guter Arzt sein, oder? Ist vielleicht der gute Arzt für Frau M.D. einer, der zuhört, ihr glaubt, sie akzeptiert, so, wie sie ist? Könnte es sein, dass dies das beste von den vielen ungenügenden Angeboten ist? 

Durch den Dschungel des Schmerzes

Mediziner werden in langen Jahren geschult, Menschen zu reparieren, Symptome zu behandeln, oder – das hohe Wort sollte man mit grosser Vorsicht benutzen – Patienten zu heilen. Hier geht es um etwas anderes. Es geht darum, auf einem schmalen Pfad durch den Dschungel des Schmerzes einen Weg zu schlagen, geduldig und mit Ausdauer. Ich gebe die Hoffnung nie auf, dass wir eines Tages auf eine grosse Lichtung kommen, wo es mehr Luft zum Atmen gibt, frisches Trinkwasser und Früchte, und dass die Patientin dort ihre Schmerzen loslassen kann. Denn das ist nicht unmöglich. Sie sind ja nirgends festgemacht im Körper. Sie müsste nur die Türe des Käfigs öffnen und die Plaggeister hinauslassen. Aber nur sie selbst wird vielleicht eines Tages den Schlüssel finden.

 

Diesen Artikel schrieb der Autor im Auftrag des Grosseltern-Magazins, das monatlich eine seiner Kolumnen publiziert www.grosseltern-magazin.ch. Die PHC-Redaktion dankt "Grosseltern" für die Erlaubnis, die Kolumnen auf dieser Website zu publizieren.

Edy Riesen

Redaktor Primary and Hospital Care

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