access_time veröffentlicht 31.01.2018

Meine anderen Kinder

Edy Riesen, Redaktor Primary and Hospital Care

Nachgedacht

Meine anderen Kinder

31.01.2018

Ein Hausarzt kennt viele seiner Patientinnen und Patienten seit dem Säuglingsalter. Wenn sie junge Menschen werden und ihren Platz im Leben suchen, freut er sich und leidet mit.

Ich habe vier eigene Kinder und bereits zehn Grosskinder, daneben aber noch viele andere Kinder: die Praxiskinder. Das sind die vielen, die man über die Jahre hinweg aufwachsen sieht, an denen man sich freut, die einem Sorge bereiten oder die einen enttäuschen. 

Soeben habe ich Jenny an der Bushaltestelle gesehen: eines meiner Sorgenkinder. Ein schmales Ding mit einem hellen Köpfchen. Ich weiss noch immer nicht recht, ob sie es schafft, im Leben anzukommen. Zweimal eine Lehre abgebrochen, immer einen kleinen, ebenso schmalen Freund an der Hand und meist eine Zigarette im Mund. Etwas Unstetes ist um sie herum, etwas, das ich nicht genau definieren kann. Gelegentlich kommt sie mit Klagen, für die ich keine organische Erklärung finde, die aber irgendwie zu ihr passen. Sie hat ihre Mutter mit elf Jahren verloren und das hat sie tief verunsichert. Sie hat sich durchgebissen, redet kaum darüber. Um sie herum sind keineswegs schlechte, aber ziemlich hilflose Menschen. Sie merkt, dass ich mich aus der Ferne um sie kümmere. Sie weiss, dass sie immer vorbei kommen kann. Das ist alles.

Frischer Wind in der Sprechstunde

Eine ganz andere Figur ist Johann. Ein junger Mann, der wie ein Segelflieger in der Thermik mühelos emporsteigt. Nach dem Studium bereits mit fester Stelle und schon weitere Angebote in Sicht. Es ist eigentlich idiotisch, aber ich bin stolz auf ihn aus dem einfachen Grund, weil ich ihn seit dem Kleinkindesalter kenne und  ihn und seine Eltern, überhaupt seine Familie, sehr schätze. Ich bin neugierig, wohin er es noch schafft. Ach, diese jungen Söhne, auf die ich alle kein Anrecht habe, bereiten mir Freude. Sie bringen frischen Wind in die Sprechstunde und bilden ein Gegengewicht zu den Katastrophenmeldungen aus der ganzen Welt und den mürrischen, depressiven, anspruchsvollen Kranken (die halt auch dazu gehören). Es rührt mich natürlich, dass Johann aus einer anderen Stadt zu seinem alten Hausarzt reist, weil er hier nicht viel erklären muss. 

Mein «Rolling Stone»

Da ist aber auch der kleine Mick Jagger, den ich insgeheim Rolling Stone nenne. Seit Jahren am Rande der Drogenszene. Jeder Absturz haut ihm und mir wieder eine auf den Deckel – und doch, ich gebe ihn nicht auf. Ich glaube an ihn und sage ihm das auch immer wieder, denn irgendwo hat er einen guten Kern, den man allerdings rausbaggern muss. Jetzt will er endlich in ein längeres Entzugsprogramm einsteigen. Rolling Stone muss einfach aus dem Kaff weg und Distanz gewinnen zu seinen lausigen Kollegen. Man darf mir meinen Kummer nicht übel nehmen. Ich kenne ihn als Teil der dörflichen Sippe seit dem Säuglingsalter. Habe ihn wie andere gemessen, gewogen, geimpft und die Mutter getröstet. Die ganze Hoffnung ruht doch auf den Kindern, und ich kann mich da nicht raushalten. Ich leide immer etwas mit, wenn es in der Schule schlecht geht oder die Krisen der Pubertät die Adoleszenten durchschütteln. 

Der Hausarzt als Ankerboje

Ich weiss, ich habe überhaupt kein Anrecht auf diese andern Kinder. Die Eltern investieren einen guten Teil ihres Lebens, die Lehrer und die Lehrmeister viele hundert Stunden. Daneben engagieren sich Betreuer und Trainerinnen bei Pfadi, Sportvereinen, in den Kirchen, in der Musik. Auch wenn andere viel mehr leisten, bleibst du als Arzt oder Ärztin doch eine Vertrauensperson der speziellen Art, eine Ankerboje, wenn der Sturm draussen los geht, manchmal einfach ein Berater für Dinge, wo andere nicht im Bild sind. Es ist eines der vielen Privilegien des Berufes und des Älterwerdens: Die kleineren und grösseren Kapitel der Lebensgeschichten erfahren zu dürfen. Man kann dabei Sentimentalität nicht immer vermeiden und man soll sich nicht dafür entschuldigen. Schliesslich kommt mit jedem jungen Menschen ein Teilchen der eigenen Geschichte in der einen oder anderen Form zurück, mit all den positiven und negativen Empfindungen. Und nebenbei ist die Gewissheit der Endlichkeit des eigenen Lebens leichter zu ertragen, wenn man immer wieder den jungen Frauen und Männern als Sinnbild für die Zukunft gegenüber sitzen darf. Es wird eines Tages weiter gehen, auch jenseits des eigenen Lebenshorizonts.     

 

Diesen Artikel schrieb der Autor im Auftrag des Grosseltern-Magazins, das monatlich eine seiner Kolumnen publiziert www.grosseltern-magazin.ch. Die PHC-Redaktion dankt "Grosseltern" für die Erlaubnis, die Kolumnen auf dieser Website zu publizieren.

Edy Riesen

Redaktor Primary and Hospital Care

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