access_time veröffentlicht 26.07.2018

Miss Jemimas Journal. Eine Reise durch die Alpen

Ursula Pecinska

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Miss Jemimas Journal. Eine Reise durch die Alpen

26.07.2018

Jemima Morrell

Vor etwas mehr als 150 Jahren begab sich die junge Britin Jemima Morrell auf die erste Pauschalreise der Geschichte. Thomas Cook persönlich führte sie und ihren Alpen-Club bis in die Schweizer Berge. "Switzerland with cheap tickets to Mont Blanc" hiess das Cook-Angebot; Verpflegung, Übernachtungen, Transfers inklusive. Von London ging es über Paris und Chamonix zum Mont Blanc, ins Rhône-Tal, von Leukerbad über die Gemmi, dann nach Interlaken und von Luzern aus auf die Rigi. Vom 25. Juni bis zum 17. Juli 1863 dauerte die abenteuerliche Reise.

Jemima Morrells charmantes Tagebuch Miss Jemimas Journal. Eine Reise durch die Alpen ist eine echte Entdeckung, äusserst unterhaltsam geschrieben und liebevoll gestaltet mit zahlreichen Illustrationen von Stephanie F. Scholz. Andreas Lesti, Reisejournalist und Verfasser des Vorworts, entdeckte während einer Recherche für eine Reportage über die erste Alpen-Pauschalreise die Originaldokumente. Er schreibt: "Miss Jemima zog mich mit ihrem Stil, ihrem Humor, ihrer Schärfe und ihrer Ironie innerhalb von Minuten in ihren Bann." Er war von den geistreichen, amüsanten, von süffisant bis spöttelnden Beobachtungen von Miss Jemima angetan. 

Miss Jemima Morrell (1832 -1909), war die älteste Tochter eines Bankiers und wuchs im Lake District auf. Sie nahm 1863 an der ersten, von Thomas Cook durchgeführten Reise in die Schweiz teil. In Paris, bereits unterwegs in die Schweiz, gründete sie zusammen mit den drei weiblichen Begleiterinnen und den drei männlichen Begleitern den "United Alpine Club Junior" und teilte – gemäss ihrer Ansicht – jedem die ihr oder ihm passende Rolle zu. In ihrem Reisejournal lesen wir die Gedanken einer emanzipierten und unerschrockenen jungen Frau. Gerne machte sie sich auch über den "Alpine Club" lustig, der nur Männer aufnahm. Aber schon der legendäre Thomas Cook, der Begründer der heute weltweit tätigen Cook-Group, war der Überzeugung, dass Frauen ausserordentlich starke physische und psychische Kräfte hätten und durchaus in der Lage seien, Berge zu erklimmen.

Stolz schreibt sie: "(…) mit weniger Bagage in die Alpen gereist zu sein als je ein Tourist zuvor (…)" und mit typisch englischem Humor: "Die Gefahren der Alpentouristik lassen sich in zwei Kategorien unterteilen, die realen und die imaginierten, und im Rückblick sollte sich erweisen, dass die unseren allesamt zu letzteren zählten." Sie nennt sich und die drei mitreisenden Damen an einer Stelle schalkhaft Bergamazonen. In Chamonix kauften sie Wanderstöcke, für die sie umgerechnet zwei englische Pfund das Stück bezahlen mussten: "(…) obwohl sie eigentlich acht Pence kosten sollten. Aber wir zahlten fröhlich, denn so lange dieser offizielle Ausweis des Alpenreisenden nicht erworben war, fühlten wir uns wie die reinsten Anfänger."

Das Lob an der Schweizer Eigenart überwiegt bei Weitem die Kritik. Miss Jemima beklagte sich aber über das harte Walliser Brot, das Verdauungsbeschwerden auslösen würde und meinte, dass jeder, der "(…) aus der dicken und nicht essbaren Kruste einen zehn Zentimeter grossen Brotwürfel herauspult" ein zukünftiger Hungerleider werden würde und fragte ironisch: "Sind die Zahnärzte mit den Bäckern im Bunde?"

Miss Jemima war eine gebildete Frau, die sich nicht einschüchtern liess, lernbegierig, offen für Neues, eine gute Beobachterin und Erzählerin. Insbesondere haben mich ihre idealistischen Naturbeschreibungen beindruckt. Lassen Sie sich durch die Lektüre dieses Buches verführen - jetzt ist Wanderzeit und vielleicht packt Sie ja der Ehrgeiz, einige der beschriebenen Touren nachzuwandern, ähnliche Erfahrungen zu teilen wie die sieben Mitglieder des United Alpine Club Junior vor rund 153 Jahren.

 

Jemima Morrell
Miss Jemimas Journal. Eine Reise durch die Alpen
Verlag Rogner & Bernhard, Berlin, 2014
ISBN 978-3-95403-050-7

Ursula Pecinska

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