access_time veröffentlicht 04.10.2017

Miss Polly und das Polyallergiesyndrom

Edy Riesen, Redaktor Primary and Hospital Care

Nachgedacht

Miss Polly und das Polyallergiesyndrom

04.10.2017

Sie heisst natürlich nicht Miss Polly. Es ist eine meiner Unsitten, dass ich Patienten mit Decknamen versehe. Irgendwie wirkt das psychohygienisch!

Sie heisst natürlich nicht Miss Polly (oder noch kürzer «Miss Pi»).  Es ist eine meiner Unsitten, dass ich Patienten mit Decknamen versehe. Irgendwie wirkt das psychohygienisch, und ich kann die Begegnungen mit mehr Gelassenheit und Humor angehen. 

Miss Polly ist zunehmend allergisch, und ich muss aufpassen, dass ich dadurch nicht auf die Patientin allergisch werde! Der Reihe nach: Die Patientin hat einen Heuschnupfen und selten Ekzeme in den Ellenbeugen. Damit gehört sie zu den sogenannten Atopikern, das heisst, sie hat eine Neigung zu Allergien und Ekzemen. Aber daneben neigt sie auch zu psychosomatischen Beschwerden wie Bauchweh, diffusen Weichteilschmerzen etc.  

Jetzt kommt sie in die Sprechstunde mit einer ellenlangen Liste von Allergietests, die ein Labor ennet des Rheins für 250 Euro durchgeführt hat – wie immer ganz einfach: Zwei Blutröhrchen einschicken und sämtliche Probleme können gelöst werden. Kannste denken! Miss Pi sitzt da wie ein begossener Pudel, und der Hausarzt muss sich die Bemerkung verkneifen, dass sie sich die Suppe, die sie sich eingebrockt hat, nun selbst auslöffeln soll. 

Nein, dazu ist er doch zu menschenfreundlich. Er macht höchstens eine kurze scharfe Bemerkung zu den Scharlatanen, die den Leuten auf diese Weise das Geld abknöpfen. Dann geht es ans Aufräumen, denn die Patientin ist auf zwei Dutzend Lebensmittel und auf diverse Pollensorten «allergisch». Wenn die Laborresultate anzeigen, dass die bedauernswerte Dame auf Broccoli allergisch sein soll und das seit vielen Jahren ihr Lieblingsgemüse ist, das sie ohne Folgen essen kann, dann hat das Laborresultat nichts, aber auch gar nichts zu bedeuten. Und so geht es weiter. Schritt für Schritt wird Miss Pi im Gespräch «desensibilisiert». Es wird ihr erklärt, dass sie mit ihrem gesunden Menschenverstand doch selbst gut wisse, was ihr gut tue und was nicht. 

Asthmaattacke nach Haselnüssen

Ja, es stimme, dass es Kreuzreaktionen gebe, sage ich ihr, also Gruppen von Pollen und Nahrungsmitteln, die wechselseitig Allergien auslösen können, weil sie aus gleichen Eiweissbausteinen zusammengesetzt seien. Wenn also zum Beispiel jemand auf Birkenpollen allergisch ist, kann er bei der Einnahme von Äpfeln, Curry, Haselnuss, Rübchen, Sellerie und mehr Symptome erleiden: Vom einfachen Juckreiz im Rachen bis zu Asthma oder Durchfall. Dies ist auch saisonal verschieden ausgeprägt. Als meine Frau als passionierte Velofahrerin in der Hochsaison der Birkenpollen von Liestal 10 Kilometer zu uns ins Dorf strampelte und dabei eine Packung Nüsschen verzehrte, landete sie mit einer massiven (allergischen) Asthmaattacke im Dorf. Was war passiert? Ihr durch die Birkenpollen alarmiertes Immunsystem reagierte im Sinne der Kreuzreaktion auf Haselnüsse besonders heftig. Klar verspürt sie auch übers Jahr etwa Juckreiz beim Kauen von Haselnüssen oder Rübchen, aber nie in dieser Heftigkeit. 

Zurück zu Miss Pi. Sie ist nur halbwegs beruhigt, weil sie darauf gekommen ist, dass moderne Menschen – von Hollywoodstars bis zu ihrer Nachbarin – auf die Einnahme von Gluten (Brot- respektive Mehleiweiss) verzichten. Ein richtiger kleiner Boom. Nachdem jahrelang die Laktoseintoleranz die Hitliste anführte, suchen nun die Bauchwehgeplagten ihr Glück bei der Gluten-Diät. Glutenunverträglichkeit, auch Zöliakie oder Sprue genannt, ist zwar selten, aber für die Erkrankten tatsächlich ein Problem – auch deshalb, weil es früher von den Beschwerden bis zur Diagnosestellung oft weit über zehn Jahre ging. 

Brot als Sündenbock 

Heute steht ein hochempfindlicher Test im Serum zur Verfügung (ausgerechnet der wurde bei Miss Pi nicht gemacht), mit dem über 95 Prozent der Fälle gefunden werden. Der Goldstandard bleibt die Entnahme von Gewebsproben aus dem Zwölffingerdarm (mittels Magenspiegelung). Zur Zeit machen zu viele Leute ohne korrekte Diagnose Gluten-Vermeidungsdiäten. Es ist ein altes Übel der Menschen, dass Sündenböcke herhalten müssen – und da wir nicht mehr an Geister glauben, muss zum Beispiel das gute alte Brot herhalten. Wir werden also bei der Patientin nochmals Blut abnehmen, um den Test zu machen. 

Was die Laktoseintoleranz (das ist keine Allergie!) betrifft, lasse ich einen Auslassversuch über zwei bis vier Wochen machen und dann wird mit einem halben, später allenfalls zwei bis drei Deziliter Milch getestet. Kommt es zu Bauchweh, Blähungen und Durchfall, muss nicht weiter gesucht werden. Bitte keinen Gentest machen. Die genetische Veranlagung heisst noch lange nicht, dass man die Milch nicht verdauen kann. Im Zweifelsfall bringt ein sogenannter Atemtest Klärung. 

An dieser Stelle bemerke ich, dass die arme Miss Polly von der Menge meiner Informationen mentale Verdauungsbeschwerden bekommt, so dass ich sie mit einer letzten Bemerkung tröste: «Miss Pi, Sie sind eine kluge Frau; kluge Menschen lassen das, was ihnen nicht gut tut, einfach auf der Seite. Damit lösen sich weit über 90 Prozent der Probleme von selbst. Die Medizin soll nur eingreifen, wenn es wirklich aus dem Ruder läuft.»

 

Diesen Artikel schrieb der Autor im Auftrag des Grosseltern-Magazins, das monatlich eine seiner Kolumnen publiziert www.grosseltern-magazin.ch. Die PHC-Redaktion dankt "Grosseltern" für die Erlaubnis, die Kolumnen auf dieser Website zu publizieren.

 

Bildnachweis: © Margouillat | Dreamstime

Edy Riesen

Redaktor Primary and Hospital Care

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