access_time veröffentlicht 26.09.2018

SGAIM-«Teaching Award»

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SGAIM-«Teaching Award»

26.09.2018

«Die klinischen und pädagogischen Kompetenzen sind sehr ähnlich und nähren sich gegenseitig»

Interview mit Noëlle Junod Perron. Ihr ist am Herbstkongress der SGAIM in Montreux der «Teaching Award 2018» verliehen worden für ihre pre- und postgraduale Lehrtätigkeit im medizinischen Grundversorgungs-Dienst der Genfer Universitätsspitäler (SMPR) und an der medizinischen Fakultät in Genf. Ausgezeichnet wurde sie aber auch für die Erarbeitung eines neuartigen und erfolgreichen Ausbildungsprogramms für die Assistenzärztinnen und -ärzte des SMPR.

Sie haben gerade einen «Award» für Ihre Lehrtätigkeit erhalten. 
Ich bin hoch erfreut über diesen Preis, den ich überhaupt nicht erwartet hatte. Es ist sehr ermutigend, dass das Engagement in der Lehrtätigkeit von der SGAIM auf gleicher Stufe wie die Forschung oder Projekte zur Qualitätsverbesserung wie etwa smarter medicine anerkannt wird.

Was zeichnet Ihrer Meinung nach eine gute Lehrperson aus?
Eine gute Lehrperson zeichnet sich dadurch aus, dass sie den Lernenden durch die Mobilisierung ihrer Ressourcen und Kenntnisse helfen kann, selbstständiger zu werden, dass sie ihnen Informationen bedarfsgerecht vermitteln und ihre Reflexivität stimulieren kann. Dies erfordert zweifellos sehr hohe klinische und pädagogische Kompetenzen, aber auch menschliche und fachliche Qualitäten wie Verfügbarkeit, Rücksichtnahme, Integrität, Engagement, Begeisterungsfähigkeit, Empathie und Reflexivität, um eine gute Vorbildrolle spielen zu können. 
Ich habe nicht wirklich einen grünen Daumen, aber bildlich gesprochen verstehe ich den Lehrberuf im klinischen Umfeld wie den Beruf eines Gärtners: Er hat die Aufgabe, den Boden vorzubereiten, um das harmonische Wachstum der Pflanzen zu fördern, sie weder zu viel noch zu wenig zu giessen, ihnen also genügend Raum und Freiheit für ihre Entfaltung zu geben und als Stütze zu ihrer Entwicklung zu dienen … und all dies in einem bisweilen schwierigen Umfeld, das einem unvorhersehbarem und belastenden Druck ausgesetzt ist.

Was schätzen Ihre Studierenden Ihrer Meinung nach besonders an Ihnen oder an Ihrer Art des Unterrichtens?
Das müsste man sie selbst fragen. Da ich in verschiedenen Lehrformaten (Betreuung, Leitung von Kleingruppen, Unterricht mit simulierten Patienten usw.) tätig bin, kann ich das nicht genau beantworten! In den erhaltenen Feedbacks werden regelmässig die Begeisterungsfähigkeit, die vermittelte und geteilte Energie, mein Interesse für die Lernenden, ihre persönliche und berufliche Entwicklung genannt. Am Herzen liegt mir auch, die Studierenden und Assistenzärztinnen und -ärzte für einen menschlichen, umfassenden und gewissenhaften Umgang der Medizin mit den Patienten und ihren gesundheitlichen Problemen zu sensibilisieren und die Komplexität, die Chronifizierung und die Ungewissheit eher als eine Quelle von Bereicherung, Kreativität und Stimulation denn als Hürden zu betrachten, die man besser umgeht.
  
Was motiviert Sie, die Doppelrolle als Ärztin und Lehrkraft auszuüben?

Diese Doppelrolle als Ärztin und Lehrkraft macht den Beruf noch spannender. Die Lehrtätigkeit setzt voraus, dass man den zu vermittelnden Stoff beherrscht, und in diesem Sinne ist sie die bestmögliche Fortbildung. Wer unterrichtet, sieht sich auch mit Erwartungen, Wahrnehmungen, unterschiedlichen Kenntnissen konfrontiert. Deshalb muss man sich immer wieder selbst infrage stellen. Letztlich sind die klinischen und pädagogischen Kompetenzen sehr ähnlich und nähren sich gegenseitig. Beide erfordern sorgfältig aufgebaute Gedankengänge, Neugier und kreative Lösungen. Gleich, wie ich gern ein gesundheitliches Problem diagnostiziere oder gemeinsam mit dem Patienten den besten Weg ausfindig mache, um ihm zu helfen, gehe ich auch gern auf die Studierenden oder Assistenzärztinnen und -ärzte zu und eruiere mit ihnen, wo Verbesserungsbedarf oder Schwierigkeiten bestehen, um gemeinsam die Mittel zu deren Beseitigung oder Überwindung zu finden. Letztlich ist es auch eine Frage der gesellschaftlichen Verantwortung, die zukünftigen Arztgenerationen im Hinblick auf eine verantwortungsvolle, effiziente und menschliche Berufstätigkeit auszubilden und ihnen die von unserer Gesellschaft erwarteten Kompetenzen, Haltungen und Werte zu vermitteln.

Welche Herausforderungen kommen auf die Lehrtätigkeit in der AIM zu?
Zu den grössten Herausforderungen gehören die Stärkung und weitere Professionalisierung der Betreuung und Begleitung der Assistenzärztinnen und -ärzte während der postgradualen Ausbildung. In den letzten Jahren haben die Fakultäten viel Energie und Ressourcen eingesetzt, um solide Lehrgänge in Allgemeiner Innerer Medizin auszuarbeiten (namentlich im ambulanten Bereich) und die auf diesem Gebiet Betreuenden auszubilden, damit diese Disziplin besser sichtbar und in den Augen der Studierenden attraktiver wird. Trotz der Anstrengungen des SIWF und der SGAIM, Anforderungen an die zu erwerbenden Kompetenzen zu definieren, gibt es meiner Meinung noch nicht genügend institutionalisierte Prozesse und Strukturen, um sicherstellen zu können, dass die Assistenzärztinnen und -ärzte diese Kompetenzen während ihrer postgradualen Ausbildung auch wirklich erworben haben.
Die Einführung der Mini-CEX und DOPS ist sicher etwas Gutes. Vier Beurteilungen pro Jahr, die auf direkten Beobachtungen beruhen, gefolgt von einem Feedback und einer vom Ausbildungsverantwortlichen unterzeichneten jährlichen Evaluation reichen aber eindeutig nicht, um sich zu vergewissern, ob die Assistenzärztinnen und -ärzte gute Fortschritte machen, und um allfällige Schwierigkeiten aufzudecken. Es gibt auch kein Programm für Schwachstellenbeseitigung bei Assistenzärztinnen und -ärzten, obwohl nach meiner Erfahrung und gestützt auf die Fachliteratur rund 10 Prozent von ihnen grössere Schwierigkeiten bei der Argumentation, Professionalitätsprobleme und/oder affektive Störungen haben.
In gewissen Ländern, in denen die postgraduale Ausbildung strukturierter ist und die Evaluation gewissenhafter und regelmässiger erfolgt, wurden solche Programme zur Unterstützung und Schwachstellenbeseitigung eingeführt und haben sich als wirksam erwiesen.
Eine weitere Herausforderung ist die Anpassung der ambulanten Weiterbildung. Dieses Thema interessiert mich besonders, da ich seit 15 Jahren im ambulanten Bereich und seit zwei Jahren in einer Privatpraxis tätig bin: Die Ausbildungsanforderungen in Allgemeiner Innerer Medizin sind noch ungenügend (6 Monate) für eine selbstständige Tätigkeit in einer Praxis. Die Ausbildung sollte es nicht nur ermöglichen, umfassendere klinische Kompetenzen, sondern auch nichtklinische Kompetenzen in unternehmerischen, rechtsmedizinischen und versicherungstechnischen Bereichen zu erwerben.

Eine zentrale Säule der SGAIM ist die Nachwuchsförderung. Welches sind Ihrer Meinung nach die besten Argumente, um junge zukünftige Ärzte für die AIM zu gewinnen?
Ich denke, dass die von der SGAIM vorgeschlagenen Schwerpunkte auf dem richtigen Weg sind: eine Gemeinschaft aus der Praxis heraus unter Einbezug von Jungen in der SGAIM aufbauen, die guten Vorbildfunktionen von Assistenzärztinnen und -ärzten in allgemeiner Medizin fördern, die Vielfalt der klinischen Tätigkeit, die intellektuellen Anforderungen und die Vielfalt der fachübergreifenden Arbeit in den Vordergrund stellen (ohne jedoch die anderen medizinischen Disziplinen zu diskriminieren), das Mentorat fördern, Voll- oder Teilzeit-Karrieren ermöglichen, welche klinische Arbeit mit Lehre und Forschung verbinden, sei es im stationären oder ambulanten Bereich, in medizinischen Polikliniken oder auch in Privatpraxen … all dies sind interessante Ansätze, welche die Dynamik der SGAIM widerspiegeln.
Wenn ich an den Lehrgang in ambulanter Medizin denke, wäre ich auch für mehr Austausch zwischen Praxisbetreuern/-mentoren und akademischen Ausbildungsinstituten. Eine Anbindung der Praxisbetreuer an akademische Ausbildungsstätten würde einerseits helfen, eine starke Verbindung zwischen den beiden Bereichen aufrechtzuerhalten, und andererseits die verstärkte Akademisierung der Tätigkeit in ambulanter Allgemeiner Innerer Medizin und eine bessere Kenntnis bzw. Anerkennung der Disziplin begünstigen. Dadurch würden sich die Jungen auch bewusst, dass die Verselbstständigung keine schlagartige Veränderung des Lebens mit sich bringt und auch nicht gleichbedeutend mit Isolierung und Verzicht auf das ist, was ein Leben im Team und in der Institution bereichert. Die Realität sieht nämlich ganz anders aus.
Im Übrigen denke ich, dass die Förderung der Disziplin auch eine Reorganisation des Gesundheitswesens voraussetzt, indem das Schwergewicht vermehrt auf die zentrale Rolle des Allgemeinpraktikers in der Koordination der Pflegeleistungen und auf eine finanzielle Aufwertung gelegt wird. Dies sprengt allerdings den Rahmen der Frage.

Zur Person:
Dr. Noëlle Junod Perron ist Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin und besitzt einen Master sowie einen PhD in Health Profession Education der Universität Maastricht, Holland. Im Jahr 2014 wurde sie Privatdozentin an der Universität Genf und 2018 Lehrbeauftragte. 
Seit zwei Jahren ist Dr. Noëlle Junod Perron zu 50 Prozent im Centre Medical von Lancy tätig. Ausserdem ist sie zu 50 Prozent leitende Ärztin am Hochschulinstitut für medizinische Grundversorgung der Universitätsspitäler von Genf und an der Abteilung Forschung und Entwicklung in medizinischer Ausbildung der medizinischen Fakultät Genf. 
Seit Noëlle Junod Perron 2001 zur klinischen Leiterin und dann 2009 zur leitenden Ärztin der Abteilung Grundversorgung (SMPR) ernannt wurde, hat sie sich nicht nur in der pre- und postgradualen Lehrtätigkeit des Dienstes für Grundversorgung und an der medizinischen Fakultät Genf, sondern auch in der Ausarbeitung eines neuartigen und leistungsfähigen Lehrgangs zuhanden der Assistenzärztinnen und -ärzte des SMPR stark engagiert.
2017 wurde Dr. Noëlle Junod Perron zur leitenden Ärztin am Hochschulinstitut für medizinische Grundversorgung ernannt. Nun koordiniert und entwickelt sie unter dem Schlagwort «Teach the Teacher» Ausbildungen für die Klinikleiter derjenigen Abteilungen, die in Genf der Grundversorgung zugerechnet werden. Zudem ist sie verantwortlich für das Ausbildungsprogramm in Kommunikation zwischen Arzt und Patienten für die Studierenden der medizinischen Fakultät.

Bildnachweis: Bruno Schmucki, SGAIM

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