access_time veröffentlicht 29.11.2017

Wenn der Arzt Witze macht

Edy Riesen, Redaktor Primary and Hospital Care

Nachgedacht

Wenn der Arzt Witze macht

29.11.2017

Humor ist auch in der Arztpraxis und selbst auf dem Sterbebett nicht verboten. Im Gegenteil: Humor kann entspannen, Schmerzen lindern und trösten.

Diesen Sommer ist Dimitri gestorben, und einer meiner alten humorvollen Weggefährten ist pensioniert worden. An die beiden denke ich jetzt gerade. Dimitri war ein Poet mit Körper und Seele, mit Pinsel und Worten. Mein Kollege war ein Hausarzt wie aus dem Bilderbuch, ein Naturtalent in verschiedenen Sparten, und er erzählte seinen Patienten – wenn es passte – gerne einmal Witze in der Sprechstunde und bekam auch ab und zu welche zurück. Beide verstanden den feinen Humor, der nicht verletzt, sondern heilt. 

Der Duden definiert Humor als Fähigkeit und Gabe, den Unzulänglichkeiten der Welt, den Schwierigkeiten und Missgeschicken mit heiterer Gelassenheit zu begegnen, sie nicht tragisch zu nehmen und über sie lachen zu können. Ich füge hinzu, dass humorvolle Menschen vor allem auch über sich selbst lachen können. 

Die Geschmäcker sind verschieden

Wie steht es mit dem Humor in der Sprechstunde und im Team der Praxis, auf dem Hausbesuch, unter Kollegen, im Pflegeheim, mit der Spitex, im Notfalldienst? Es könnte ja sein, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, finden, es gäbe nichts zu lachen in der Medizin. Der Geschmack für das, was man als Humor empfindet, ist sehr individuell ausgeprägt und auch von der Herkunft geprägt. Wenn ich schon nur an die alte, nicht ganz ernst gemeinte Rivalität zwischen Basel und Zürich denke (die Basler sind natürlich überzeugt, sie seien humorvoller), kann ich mir vorstellen, dass ein Basler mit seinem Humor in Zürich ganz schön daneben liegen könnte. Noch viel delikater  ist der Humor zwischen den «grossen Kulturen». Eine Britin hat nicht dieselbe Vorstellung von Humor wie eine Griechin, ein Deutscher empfindet nicht so wie ein Spanier. 

Wenn es nun um den Humor in der Sprechstunde geht, müssen sich Patient und Arzt gemeinsam auf die Suche machen. Es sind nicht nur Worte, es gibt auch die Körpersprache (die absichtliche oder unabsichtliche Pantomime). Wenn der Humor keine Resonanz findet beim Gegenüber, wenn es nicht zum Schwingen kommt, dann sollte man lieber darauf verzichten. Alle, die schon auf einer Bühne gestanden sind als Redner, Schauspieler, Sänger oder Kabarettist, kennen das schreckliche Gefühl, wenn nichts zurückkommt, und umgekehrt das Glücksgefühl, wenn das Publikum beginnt mitzuspielen. In diesem Sinne kann der Arzt auf authentische Art ein Angebot machen, Humor einzubringen oder den Humor des Patienten aufzunehmen. Einseitiger Humor funktioniert nicht. 

Es müssen keine grossen Sprüche her

Selbst beim Notfallpatienten, beim Sterbenden oder in Krisen ist Humor nicht verboten. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Menschen gerade in Ausnahmesituationen ausgesprochen empfänglich sind für eine feine Prise Humor. Lächeln entspannt. Humor macht Hoffnung, lindert Schmerzen und Leid, baut Brücken zwischen den Menschen und tröstet. Es müssen keine grossen Sprüche her, die Situation alleine kann so komisch sein, dass alle erleichtert lächeln. Eine meiner lieben Patientinnen, «Madame Bonjour», begeistert mich immer wieder mit ihrem komischen Talent. Wie sie mir letzthin humorvoll eine Tagesreise mit dem GA per Zug, Bus und Schiff durch Täler und über Seen schilderte, war einmal mehr unübertrefflich. Für den Arzt gilt es in einer solchen Situation, lediglich den Humor aufzunehmen und sich mit dem Glücksbringer zusammen zu freuen.

Humor entsteht spontan

Humor kann man nicht konstruieren. Er entsteht spontan, aus dem Moment heraus. Er ist einmalig und gerade dadurch so kostbar. Schon wenn man Stunden später die Situation zu schildern versucht, ist der Zauber meist verflogen, und es gelingt nur den Poeten und Künstlern, diesen raren Schmetterling mit Namen Humor einzufangen in Szenen, Bildern und Texten. Das war die Meisterschaft Dimitris, der die banalsten Handlungen wie das Aufstellen eines Liegestuhles humoristisch vergolden konnte. Und das war das Talent meines Arzt-Freundes, der im richtigen Moment einen Witz platzierte wie früher die Geschichtenerzähler im Orient  ihre Gleichnisse, mit denen sie heilten. 

Wir müssen und können das nicht kopieren, aber ich glaube fest, dass wir von den grossen Clowns und Erzählern beim Zuhören, Zuschauen und Mitlesen viel lernen können. Sie beherrschen das Spiel an der Grenze zwischen Lachen und Weinen, zwischen kindlicher Freude und Traurigkeit. Befinden sich nicht viele Patienten genau in dieser Grenzsituation, wo sie diesseits und jenseits einer Gefühlsscheide einmal lachen und hoffen, dann wieder weinen und verzweifeln? Immanuel Kant meinte schon im 18. Jahrhundert, dass drei Dinge helfen würden, die Mühseligkeiten des Lebens zu ertragen: die Hoffnung, der Schlaf und das Lachen.  Liebe Leserinnen und Leser, der grosse Philosoph gibt uns damit eine wunderbare Aufgabe, an der wir ein Leben lang arbeiten können. 

 

Diesen Artikel schrieb der Autor im Auftrag des Grosseltern-Magazins, das monatlich eine seiner Kolumnen publiziert www.grosseltern-magazin.ch. Die PHC-Redaktion dankt "Grosseltern" für die Erlaubnis, die Kolumnen auf dieser Website zu publizieren.

Edy Riesen

Redaktor Primary and Hospital Care

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