access_time veröffentlicht 06.09.2017

Wenn die Gelenke schmerzen

Edy Riesen, Redaktor Primary and Hospital Care

Nachgedacht

Wenn die Gelenke schmerzen

06.09.2017

Jeder und jede kennt eine Story zur Arthrose und hat spezielle Tricks, Tipps und vieles mehr ...

Das Prinzip bei der Arthrose ist einfach: Der Knorpelüberzug der Gelenksflächen wird mit den Jahren dünner oder brüchiger und aufgerauter. Dadurch kommt es zu mehr Reibung, was wiederum Entzündungen und Schmerzen bedeuten kann. 

Aber Achtung: Die Arthrose unterscheidet sich von der viel aggressiver verlaufenden Arthritis. Manche Patienten machen sich wegen dieser Verwechslung Sorgen, denn eine aktive Polyarthritis (die auch nur an einem Gelenk stattfinden kann) zerstört den Knorpel förmlich, während es bei der Arthrose eher zu einem langsamen «mechanischen Abschleifen» kommt. 

Entscheidend ist der Leidensdruck

Diese einfache Abnützung des Knorpels soll aber nicht verharmlost werden. Auf einer Skala von leichter Arthrose (die jeder Mensch hat, wenn er nur genug alt wird) bis zu einem kompletten Verlust des Knorpels (sodass Knochen auf Knochen reibt) gibt es viele Schweregrade. Der Arzt soll den Patienten nie mit dem Röntgenbild erschrecken, denn es gibt Patienten, die zwar eine deutliche radiologische Arthrose haben, aber erstaunlich wenig Beschwerden. Umgekehrt kann die Arthrose noch kaum sichtbar sein, der Schmerz aber schon beträchtlich. Entscheidend ist der Leidensdruck. 

Das tönt alles so einfach. Aber Sie wissen es selbst: Jeder und jede kennt eine Story zur Arthrose und hat spezielle Tricks, Tipps und vieles mehr. Es gibt wenig Gebiete in der Medizin, wo die Patienten so viel mit- und dreinreden, zitieren, rühmen, schimpfen und warnen. Und mittendrin hinken die arme Frau X und der bedauernswerte Herr Y durch die Landschaft, und der Kopf schwirrt ihnen ob all dieser gut gemeinten Ratschläge. 

Immer wieder spürbare Erfolge

Darf ich an dieser Stelle einen Vorschlag machen, wie ein Vorgehen aussehen könnte? Gehen Sie zu Ihrem Hausarzt und loten Sie mit ihm aus, was die Schulmedizin zu bieten hat. Nehmen wir als Beispiel Frau X (67-jährig, Kniearthrose, X-Beine, etwas übergewichtig, aber sonst gesund). Die Patientin hat schon seit Jahren vor allem beim Abwärtslaufen Kniebeschwerden, in der letzten Zeit aber auch ein geschwollenes Gelenk, vor allem nach langem Gehen und Stehen. Als Hausarzt lasse ich ein Röntgenbild machen, auf dem man eine leichte Verschmälerung des Gelenksspaltes sieht und eine kleine Ausziehung am Knochen, also Zeichen für eine Arthrose. Wir beide besprechen die Behandlungsmöglichkeiten. Von ihnen gibt es zwar eine Vielzahl, für die meisten von ihnen existiert aber kein streng wissenschaftlicher Nachweis. Trotzdem erlebt man immer wieder spürbare Erfolge, wenn die Therapie individuell angepasst wird.

Um mit den nicht medikamentösen Massnahmen zu beginnen, kann die Physiotherapie im einen oder anderen Fall helfen, heute oft kombiniert mit Taping um das Gelenk und die Kniescheibe. In gewissen Fällen können Einlagen verschrieben werden, welche die Belastung des Gelenkes verändern. Sport ist grundsätzlich immer gut, aber Jogging auf Teer ist für das Kniegelenk nicht ideal. Besser ist Velofahren, Schwimmen ist vielleicht die schonendste Disziplin. 

Ob Akupunktur hilft, ist wissenschaftlich nicht bewiesen, aber es gibt immer wieder Menschen, die von Erfolgen berichten. Manchen Patienten scheinen Salben und Pflaster zu helfen, und in der Tat kann das Eindringen von Stoffen über die Haut heute nachgewiesen werden. Viele Patienten nehmen gerne Knorpelschutzpräparate, die bekanntesten werden aus Fischknorpel oder Grünlippenmuscheln hergestellt. Nicht alle werden von der Kasse bezahlt. Schliesslich kann im Bedarfsfall – aber eben nicht als Dauertherapie – einer der bekannten Entzündungshemmer verordnet werden, zum Beispiel Ibuprofen oder Diclofenac. Sie wirken zwar gut, können aber abhängig von der eingenommenen Dosis und der Therapiedauer zu Nebenwirkungen oder sogar Komplikationen führen. 

Ein einfaches Schmerzmittel (Paracetamol) schafft in manchen Fällen Erleichterung im Alltag. Bei heftigen Beschwerden oder sogar «Wasser» im Knie sind Cortisonspritzen ins Gelenk wahre Wundermittel. Sie dürfen aber nicht mehr als dreimal im Jahr appliziert werden. In ausgewählten Fällen kann eine Art Gelenkschmiere Erleichterung schaffen. Aber auch sie muss ins Gelenk injiziert werden. 

Das Knie nicht zu stark schonen

Nach dieser Tour d’Horizon ist Frau X verständlicherweise etwas verwirrt und will nun meine persönliche Meinung kennen. Was rate ich Frau X? Ich empfehle ihr über viele Monate ein Knorpelschutzpräparat und als gelegentliche Reserve für Schmerzen bei oder nach grösseren Anstrengungen eine Tablette Ibuprofen. In einem halben Jahr würde man sich wieder sehen. Sie solle sich nicht grämen, ihr Knie könne noch lange gute Dienste leisten. Ich würde gar nicht zu viel schonen, sage ich ihr. Denn ich habe bei der Arthrose immer wieder spontane Besserungen beobachten dürfen.

 

Diesen Artikel schrieb der Autor im Auftrag des Grosseltern-Magazins, das monatlich eine seiner Kolumnen publiziert www.grosseltern-magazin.ch. Die PHC-Redaktion dankt "Grosseltern" für die Erlaubnis, die Kolumnen auf dieser Website zu publizieren.

Edy Riesen

Redaktor Primary and Hospital Care

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