access_time veröffentlicht 14.02.2018

Wir Hypertoniker

Edy Riesen, Redaktor Primary and Hospital Care

Nachgedacht

Wir Hypertoniker

14.02.2018

Hoher Blutdruck entsteht meist schleichend zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr. Um ihn in den Griff zu bekommen, hilft nur eines: täglich seine Medikamente zu nehmen.

Wenn sich die Wege der rundlichen, gutmütigen «Oma Luisli» (rotbackig wie ein Boskoop auf der Apfelhurde) und der hageren «Chläbere» (ein nicht ganz offizieller Dorfname) kreuzen, haben sie nicht viel gemeinsam. Die eine hat man einfach gern. Der anderen geht man in den letzten Monaten lieber aus dem Weg, um zu vermeiden, dass man mit einer Wagenladung von klebriger Bitterkeit überschüttet wird. Nun, wie im Dorf üblich, grüsst man sich immerhin, denn schliesslich hat man ein gemeinsames Leiden: einen standhaft hohen Blutdruck. 

Verschiedene Arten von Hypertonie

Nur der alteingesessene Dorfarzt weiss, dass es auch hier einen kleinen, wichtigen Unterschied gibt. Während Luisli eine primäre Hypertonie hat, leidet die arme «Chläbere» unter einer sekundären Hypertonie, die in ihrem Fall eine hormonelle Ursache hat. So etwas ist selten und betrifft lediglich 1-2% aller Hypertonien. Der Arzt merkte es erst, als sogar eine Kombination von drei Medikamenten nicht anschlug und er weitere Untersuchungen veranlasste. Die Abklärungen ergaben, dass die hagere Patientin an einer Überfunktion der Schilddrüse litt, was einen Teil ihres Verhaltens erklären konnte. 

Damit war die Behandlung anspruchsvoller. Luislis Blutdruck liess sich leicht senken mit einem einzigen Medikament, während bei ihrer Leidensgenossin auch die Störung der Schilddrüse behandelt werden musste, was eben einige Monate dauern konnte. Ganz ohne Grund war ihr Lamentieren also nicht! 

Der grosse Teil der «gewöhnlichen» Hypertonien entsteht schleichend irgendwo zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr. Man findet meist keine eigentliche Ursache. Aber der Lebensstil kann wesentlich dazu beitragen, dass sich ein Hochdruck entwickelt. Das Körpergewicht kann nicht nur bei der Entstehung des Hochdruckes eine Rolle spielen, sondern es ist auch erwiesen, dass die Medikamente bei Übergewichtigen schlechter ansprechen. Alkohol, Nikotin und die dauernde Einnahme von Schmerzmitteln sind weitere ungünstige Faktoren. Aussetzer der Atmung in der Nacht sind auch in Erwägung zu ziehen. In der heutigen Zeit spielen der Zeitdruck und eine negative Anspannung am Arbeitsplatz eine grosse Rolle, sodass es vorkommen kann, dass Blutdruckmedikamente nach der Pensionierung abgesetzt werden können.

Meist ist es Veranlagung

Weitaus an erster Stelle steht aber die Veranlagung. Darum gibt es auch schlanke, sportliche Nichtraucher und Abstinenzler, die aufgrund ihrer Genetik einen hohen Blutdruck haben. Sport senkt zwar den Blutdruck kurzfristig ab, kann aber leider keine wirkliche Therapieoption sein. Genauso hat die Reduktion des Salzkonsums einen messbaren (geringen) Effekt, ist aber im Alltag kaum umzusetzen. Messen Sie einmal Ihre Tagesration von sechs Gramm Salz ab. Es ist ein halber Suppenlöffel, und denken Sie daran, dass Salz sowieso schon überall drin ist: im Brot, in der Salatsauce, im Reis, in der Suppe etc.

Alternative Medizin hilft hier nicht

Noch ein Wort zur Alternativen Medizin: Ich bin ja durchaus offen für alle Arten von Behandlungen, habe aber in den über 40 Jahren als praktizierender Arzt nie gesehen, dass jemand eine etablierte Hypertonie mit Homöopathie, Schüsslersalz, Kinesiologie oder anderem wirksam und dauerhaft hätte behandeln können. 

Zurück zu unseren Dorforiginalen: Luisli hat als lebenslustige Witwe einen leichten Diabetes, kann aber ihre geliebten Schwedentörtchen nicht lassen. Die lassen wir ihr, oder nicht? Ihr Zielblutdruck ist um 140/90 mmHg, und auch wenn sie ein bisschen darüber ist, kann das bei einer 82-jährigen Patientin toleriert werden bis 150/90 mmHg. Die schilddrüsengeplagte 79-jährige «Chläbere» hat trotz ihrer drei Medikamente und ihrem Untergewicht immer noch obere Werte zwischen 160 und 170 mmHg, sodass hier wohl die Normalisierung der Schilddrüsenwerte abgewartet werden muss. 

Der Bluthochdruck ist ja keine Erkrankung an sich (ausser bei Blutdruckkrisen über 200 mmHg, wo auch Symptome auftreten). Man behandelt die Hypertonie, um Erkrankungen an den Gefässen (Verkalkungen) und der Vergrösserung des Herzmuskels vorzubeugen. Damit kann die Häufigkeit von Herzinfarkten, Herzinsuffizienz, Hirnschlägen, Durchblutungsstörungen an den Beinen und mehr relativ reduziert werden.  

Für Menschen über 50 Jahre mit normalem Blutdruck empfiehlt sich, etwa einmal im Jahr den Blutdruck zu messen, wobei eine kleine Serie zum Beispiel am Morgen und am Abend über drei Tage besser ist als Einzelmessungen. Erstaunlich viele Menschen weisen in der Praxis höhere Werte auf als zu Hause (früher Weisskittel-Hochdruck genannt), und darum ist die Messung zu Hause besonders sinnvoll. In Zweifelsfällen machen wir recht oft Messungen über 24 Stunden mit einem Gerät, das die medizinischen Praxisassistentinnen anbringen.   

Auch eine Zivilisationskrankheit

Blutdruck ist wahrscheinlich auch eine Zivilisationskrankheit. Man untersuchte in Südafrika Bantus, die vom Land in die Stadt zogen, und südkoreanische Immigranten in den USA. Beide Gruppen entwickelten Hypertonien erst durch den Wechsel ihrer Umgebung. 

Ja, liebe Leserinnen und Leser, wir Menschen zahlen einen Preis für den Wohlstand, den Bewegungsmangel, unsere Arbeitswut, unseren ganzen Konsum! Vielleicht finden die Forscher in Zukunft die Schlüsselstelle für den Bluthochdruck und damit eine definitive Therapie. Bis dahin müssen wir als Hypertoniker (ich gehöre auch dazu) brav und lebenslang unsere Medikamente einnehmen, möglichst 365 Tage im Jahr.      

 

Diesen Artikel schrieb der Autor im Auftrag des Grosseltern-Magazins, das monatlich eine seiner Kolumnen publiziert www.grosseltern-magazin.ch. Die PHC-Redaktion dankt "Grosseltern" für die Erlaubnis, die Kolumnen auf dieser Website zu publizieren.

 

Bildnachweis: © Aarrows | Dreamstime.com

Edy Riesen

Redaktor Primary and Hospital Care

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