Réflexions

Erinnerungen an den «letzten Ritter»

Handgreifliches

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-f.2020.10193
Date de publication: 02.09.2020
Prim Hosp Care Med Int Gen. 2020;20(09):280

Bernhard Gurtner

Ehemaliger medizinischer Chefarzt Spital Wetzikon

Am 20. Mai 2019 ist der dreifache Formel-1-Weltmeister Niki Lauda im Universitätsspital Zürich gestorben. Nach einem grauenhaften Unfall auf dem Nürburgring am 1. August 1976 hinterliessen Brandverletzungen entstellende Gesichtsnarben. Lauda kämpfte sich mit Hilfe der modernen Medizin schnell ins Leben zurück, errang schon 1977 den zweiten und 1984 den dritten WM-Titel. Er gründete seine Lauda Air, die 1991 in Thailand einen Jet mit 223 Mensch an Bord verlor. Er selbst überlebte weitere Krisen dank Nieren- und Lungentransplantationen, erlag aber 70-jährig einer Pneumonie.

Ich bin ganz und gar nicht ein Formel-1-Fan, doch hat mich der in den Schlagzeilen oft gefeierte Autorennfahrer immer wieder an dessen Grossonkel, Professor Ernst Lauda (1892–1963) erinnert, der uns Medizinstudenten im Allgemeinen Krankenhaus Wien das Palpieren der inneren Organe beizubringen versucht hat. Zu den Vorlesungen mussten auch seine Oberärzte antraben, die gelangweilt erduldeten, was ihr Chef dem Jungvolk predigte.

Lauda hatte eigenhändig ein dreibändiges Lehrbuch der Medizin verfasst und galt als «letzter Ritter» des Fachs Allgemeine Innere Medizin. Wir benutzen aber nur ein dünnes, hektografiertes Skriptum, das den ­österreichischen Kollegen genügte, vor versammeltem Auditorium das «Rigorosum» zu bestehen. Beherzigenswert blieben Laudas Mahnungen, nicht mit kalten Fingern warme Bäuche zu betasten und zuvor die Nikotinspuren mit warmem Wasser und Seife wegzuwaschen. Er hat uns daran erinnert, dass medizinische Kunst mit Be-Hand-lungen verbunden ist. Den aus den USA importierten Spitznamen «Handholder» hat er vielleicht noch nicht gekannt, heute sind es Handyholder, die verlernt haben, Hand-in-Hand durchs Leben zu gehen. Mich hat ein sterbender alter Hausarzt in einer neu eingerichteten Intensivstation, deren Apparate uns zu sehr faszinierten, mit schwacher Stimme gebeten: «Herr Kollege, halten Sie doch einfach meine Hand!»

Die modernen bildgebenden Verfahren haben den Wert der Palpation und Perkussion ebenso relativiert wie den Gebrauch des Stethoskops, das bloss noch als Statussymbol und Halsschmuck zu dienen scheint. Der Cheir-Ourgos – altgriechisch ein Handwerker – legt nicht mehr selbst Hand an, sondern steuert einen ­Roboter, der viel präziser ohne «Zitteri» eingreift. Bei technischen Störungen wird gebeten, alte Pfade wieder zu betreten.

Crédits

Image d'en-tête: © Bunlue Nantaprom | Dreamstime.com

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Dr. med. Bernhard Gurtner
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