Thématique

Der Schnittstellenspezialist auf dem Notfall

Dipl. Ing. Erich Messer, Schnittchen Blum und Schnittstellen

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-f.2021.20048
Date de publication: 01.12.2021
Prim Hosp Care Med Int Gen. 2021;21(12):423-423

Riesen Edy

Ehemaliger Redaktor PHC, pensionierter Hausarzt, Ziefen

Sie waren wie gemacht für einander, wenn man davon ausgeht, dass Gegensätze sich anziehen. Er lang und dunkel, eckig und dürr, sie fahlblond, klein und mollig. Wenn sie beieinander lagen, war es die perfekte Einheit, denn seine Knochen schmiegten sich in ihr Sofapolster aus üppiger Subcutis. Was will man mehr. Sie nannte ihn dann «Diepl.ing» (statt Liebling), um ihn aufzuziehen, weil er so viel von seinem Titel hielt. Er arbeitete als Schnittstellenspezialist in einer gros­sen Pharmafirma am Rheinknie und wurde sehr geschätzt wegen seines Enthusiamus für den Beruf. Er kontrollierte akribisch alle Schnittstellen im Betrieb vom Lager zum Transport, vom Transport zur Produktion, vom Mechaniker zum Chemikanten. Sie liebte ihn und neben ihm alle Arten von Konditoreischnittchen: Kokos, Mandel, Nuss. Daher nannten sie alle Freundinnen und Freunde nur «Schnittchen». 

Aber gerade jetzt, wo wir in das Leben der beiden eintreten, schaut der Dipl. Ing. ungläubig auf seinen Kleinfinger. Da klafft ein böser querer Schnitt über dem Fingerrücken, ein Sehnenstumpf glänzt weiss und das Blut läuft nur so heraus. Verdammt, die Bandsäge hat ihn im Hobbyraum erwischt. Ein Moment der Unachtsamkeit genügt eben. Er wollte einfach nur noch etwas fertig zuschneiden für das neue Flugzeugmodell. Schnell das Nastuch darüber wickeln, die Treppe hoch und sich auf die Liege sinken lassen, bevor es ihm vollends übel wird. Eine halbe Stunde später sitzen die beiden in der hausärztlichen Notfallstation des Spitals. Sofort beginnt der geschnittene Dipl. Ing. Messer im Kopf die Schnittstellen zu zählen:

«Notrufzentrale erst nach drei Anläufen erreicht, vorher Warteschlaufe. (+ 6 Min.) / Aufnahme in der Notfallsta­tion umständlich, dort keine Vorinfo, wie, was, wer, lange Wartezeit. (+ 17 Min.) / Endlich im Sprechzimmer, MPA ­findet Ärztin nicht. (+ 7 Minuten) / Hausärztin kommt endlich, nimmt Verband weg. / Überweisung auf die chirurgische Notfallstation klappt sofort, aber …. / Dort angelangt nochmals warten. ( + 13 Min.) / Dienstarzt Allgemeine Chirurgie kommt herein gerauscht und stellt fest: «Nicht für mich.» Hat man das nicht vorher gewusst? (+ 5 Min.) / Aufgebot Handchirurgin, die von auswärts kommt. (+ 45 Min.) / Röntgen wegen möglicher Läsion des Knochens, ääääh, das hätte man schon lange machen können! (+ 30 Minuten) / Zurück in den Wartebereich. (+ 45 Minuten) / Endlich Info, dass man noch heute Abend operieren werde. / Auftritt Anästhesie (+ 30 Minuten) / etc.»

Um es kurz zu machen, der kleine Finger von Dipl. Ing. wird um 01:15 Uhr fachfrauisch, nach allen Regeln der Kunst perfekt versorgt. Die beiden sind um 03:15 Uhr, chauffiert durch das immer noch hellwache Schnittchen, wieder zu Hause. Eine imposante provisorische Kunststoffschiene sichert den Finger in Streckstellung. An Schlaf ist vorerst nicht zu denken, denn in der Ruhe der Nacht beginnt der Finger zu pochen bis zum Ellenbogen, nein, bis zum Kopf. Und das ist noch nicht alles, denn im leicht zwanghaften Cerebrum von Patient Messer pulsieren die Schnittstellen dieses Abends im Takt weiter, sodass er im Dusel des Halbschlafes virtuelle Rapporte schreibt. Als er bei der Schnittstelle 43 ankommt, übermannt ihn der Schlaf. Aber vorher sendet er noch ein kleines Stossgebet zum Herrn über alle Schnittstellen: Dass er nie, aber wirklich nie, in einem Spital arbeiten müsse. Zugegeben, die Industrie kennt auch Probleme, aber sie ist doch ein Paradies für eine geordnete Seele, wenn man das mit dieser Chaostruppe von Ärztinnen und Ärzten und all den guten Geistern um sie herum vergleicht. Und dann träumt der Dipl. Ing. von einer unendlichen Fahrt auf einer Geisterbahn, wo überall weissgewandete oder grünbeschürzte Monsterchen über ihn herfallen und ihm den Verband vom Finger reissen wollen.

Aber vorher sendet er noch ein kleines Stoss­gebet zum Herrn über alle Schnittstellen: Dass er nie, aber wirklich nie, in einem Spital ­arbeiten müsse.

Nachbemerkung

Dipl. Ing. Messer hat sich schwer getäuscht mit der Annahme, Ärztinnen und Ärzte seien alleine verantwortlich für den Ablauf. Vor einem halben Jahr hat eine teure Beratungsfirma (Kostenpunkt fast eine halbe Million) mit lauter jungen gestylten Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen aus der Ostschweiz sämtlich Abläufe auf der Notfallstation «optimiert». Seither ist alles noch viel schlimmer geworden!

Adresse de correspondance

Dr. med. Edy Riesen

Ehemaliger Redaktor PHC,

pensionierter Hausarzt

Hauptstrasse 100

CH-4417 Ziefen

edy.riesen[at]gmx.ch

Verpassen Sie keinen Artikel!

close