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Wenn die Finger nicht mehr so wollen wie einst ...

Wie Frau A. K. einen neuen 
Test «erfindet»

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-f.2016.01339
Date de publication: 31.08.2016
Prim Hosp Care (fr). 2016;16(16):305-306

Edy Riesen

Redaktor Primary and Hospital Care

Das Fax kam am Montag, am Dienstag ging ich auf den Besuch ins Altersheim. Frau A. K., so sagte man mir, fände die Worte nicht mehr und überhaupt sei sie anders. Kein Fieber, kein Harnwegsinfekt, der Blutdruck in Ordnung – sie erkannte mich sofort. Es brauchte keine grossen Worte zwischen uns, die wir uns seit mehr als dreissig Jahren kennen. Sie war eine Dorffrau wie aus dem Bilderbuch, mit Gemüsegarten, «Härdöpfelächerli», Kirschbäumen, Teilnahme im gemischten Chor und dem gelegentlichen Besuch der Kirche. Vor ein paar Jahren hat sie zusammen mit ihren Frauenärztinnen dem Tod ein Schnippchen geschlagen und genas von einem bösen Krebs im Bauchraum. Jetzt aber meinte sie, fände sie die Worte nicht mehr und die Gedanken seien manchmal plötzlich weg. Dement war sie nicht. Wir wurden uns schnell handelseinig. Sie musste ­einen kleinen Schlaganfall erlitten haben. Wie so oft trifft die Mundart den Ton präzis und bagatellisiert mit dem ­Diminutiv den zerbrovaskulären Insult zum «Schlegli». Sie wolle auf keinen Fall irgendwelche Abklärungen. Der Hausarzt wisse schon, was gut sei für sie; der wusste zwar nicht so viel, wie die liebe Pa-­tientin ihm zumutete, aber es ging für ihn in Ordnung.

Ja, und dann störe sie am meisten, dass sie so viele Fehler mache beim Stricken, so dass die jungen Frauen in der Beschäftigung ihr dauernd helfen müssten. Ihre Finger hätten doch ein Leben lang von selbst funktioniert, und jetzt das … Wir sassen in der Dämmerung am Fenster ihres Zimmers, wo eine kleine Tischlampe ein warmes Licht auf die alte Frau im Lehnstuhl warf. Sie war mir früher immer etwas streng und ein bisschen zu genau vorgekommen. Jetzt war sie mit sich und mir nachgiebiger. Ich liebe diese sanfte Gelassenheit alter Menschen, die das Leben hinter sich haben und sagen können, dass es gut ist, so wie es ist. Ihr Gesicht wurde hell, als sie mir erzählte, dass ihr Enkel ihr Haus übernehmen wird und ich musste an eine ­Lebensweisheit denken, die besagt «Zukunft ist immer, ganz gleich, wie wenig Leben noch vor einem ist».

Zwei Wochen später ging ich wieder vorbei. «Luege Sie, es goht wieder!», meinte sie lachend, und in der Tat liefen die Finger wieder wie die Mechanik einer textilen Strickmaschine. Sie war deutlich munterer, die Sprache war fast wiederhergestellt. Auch die Gedanken, diese störrischen Schafe, seien wieder im Gehege, nur ab und zu entwische eines.

Man hat nie ausgelernt! Ich werde mich in ­Zukunft auch bei anderen Patientinnen immer wieder mal erkundigen, wie es mit dem Stricken gehe. Frau A. K. hat mir eine wertvolle Ergänzung in die Toolbox des geriatrischen Assessments geliefert. Zur Entwicklung dieses Tests brauchte es keine Studie mit komplizierten Frage­bögen und keinen Stab von Neuropsychologen und Statistikern. Wenn ich an die grosse Zahl fried­licher alter Damen denke, die hunderte von Kilometern Wolle zu Socken, Mützen und Schals verarbeitet, kommt mir unsere kürzlich in der Schweizerischen Ärzte­zeitung [1] porträtierte Kollegin und grandiose Künstlerin Madame Tricot (Dominique Kähler Schweizer) in den Sinn, die dazu treffend bemerkte: «je tricote, donc je suis!».

Crédits

© Rainer | Dreamstime.com

Adresse de correspondance

Dr. med. Edy Riesen
Facharzt für Allgemein­medizin FMH
Hauptstrasse 100
CH-4417 Ziefen
edy.riesen[at]hin.ch

Literatur

1 Taverna E. Madame Tricot’s Masche. Schweizerische Ärztezeitung 2016;97(18–19):684–5.

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