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Interview mit Dr. Thomas von Wyl, Rega-Arzt

«Die Luftrettung packte mich – und liess mich nicht mehr los»

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-f.2016.01353
Date de publication: 31.08.2016
Prim Hosp Care (fr). 2016;16(16):307-308

Interview: Stefan Neuner-Jehle, Nadja Pecinska

Redaktion Primary and Hospital Care

Die Luftrettung und ihre Akteure üben auf viele Menschen eine grosse Faszination aus. Nun wird ihre Arbeit in einer «DOK»-Serie von SRF porträtiert. Primary and Hospital Care hatte vor der Ausstrahlung die Gelegenheit, Rega-Arzt Dr. Thomas von Wyl einige Fragen zu stellen.

Dr. von Wyl, was war Ihre Motivation, dass Sie die Ausrichtung Rega-Arzt gewählt haben?

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Thomas von Wyl: Nach drei Jahren klinischer ­Tätigkeit als Assistenzarzt entschied ich mich für die Facharzt­ausbildung in Anästhesie und Intensivmedizin. Da kam ich auch in Kontakt mit der prähospitalen Notfallmedizin, einem Gebiet, das mich faszinierte und ­begeisterte. Faszinierend fand ich das Arbeiten im ­kleinen Team, die Konfrontation mit immer neuen Situationen, die sehr rasche Entscheidungen verlangten, aber auch das Arbeiten draussen sowie die Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen. Mit etwas Glück konnte ich bei der Rega ein 30%-Pensum antreten. Die Faszination Luftrettung mit all ihren Facetten packte mich – und liess mich nicht mehr los.

Wie stark deckt sich die Berufsrealität als Rega-Arzt mit Ihren Erwartungen dazu vor Stellenantritt?

TvW: Mein erster Arbeitstag bei der Rega liegt schon viele Jahre zurück. Ich erlebe die Arbeit innerhalb der Crew, also zusammen mit dem Rettungssanitäter und dem Piloten, sowie bei spezielleren Einsätzen im Gebirge mit den «Rettungsspezialisten Helikopter» der Alpinen Rettung Schweiz als höchst professionell. Obwohl jedes Crewmitglied «seinen» Fachbereich hat, unterstützen wir uns im Einsatz gegenseitig und stellen immer den Patienten ins Zentrum unseres Handelns. Das nehme ich schon seit Beginn meiner Zeit bei der Rega so wahr. Medizinisch sind wir in der Lage, ­adäquate und moderne Medizin zum Patienten zu ­bringen, können aber den Patienten mit dem Transportmittel Helikopter auch sehr rasch in ein entsprechendes Spital zur Endversorgung transportieren. So decken sich meine Erwartungen nach wie vor mit dem, was ich während der täglichen Arbeit erlebe.

Was vermissen Sie an Ihrer Tätigkeit als Rega-Arzt?

TvW: Mittlerweile arbeite ich in einem 20%-Pensum bei der Rega: nicht mehr nur als Notarzt auf dem Rettungshelikopter, sondern auch mit administrativen Aufgaben und als Ausbildner. Die anderen 80% bin ich als Anästhesist und Intensivmediziner im Spital Interlaken tätig. Die Möglichkeit, in verschiedenen medizinischen Disziplinen und an verschiedenen ­Orten tätig zu sein, macht meine Arbeit sehr abwechslungsreich und spannend. Manchmal fehlt mir im Rega-Einsatz der längere Patientenkontakt. Diesen schätze ich dann umso mehr auf der Intensivstation im Spital.

Welches war Ihr schönstes Erlebnis in der Berufs­karriere als Rega-Arzt, das Ihnen spontan einfällt?

TvW: Von meiner nun doch schon 15-jährigen Tätigkeit bei der Rega bleiben viele schöne Erlebnisse. Zum ­Beispiel das Gefühl, wenn man nach einem für den ­Pa­tienten gut ausgegangenen Notfalleinsatz mit dem Team bei Sonnenuntergang über die Schweizer Alpen zurück auf die Basis fliegt. Und dann gibt es die unzähligen Einsätze, bei denen wir Patienten in Not helfen konnten und später positive Rückmeldungen in Form von Dankeskarten oder persönlichen Besuchen auf der Basis erhielten. Es kommt auch vor, dass wir Angehörigen nach tragischen Ereignissen in Gesprächen bei der Verarbeitung helfen konnten.

Und welches war Ihr schlimmstes Erlebnis, 
und wie gingen Sie damit um?

TvW: Meinen schlimmsten Einsatz erlebte ich gleich in den ersten Tagen meiner Rega-Tätigkeit: Wir mussten vier junge Menschen bergen, die im Gebirge in einer Seilschaft über mehrere hundert Meter zu Tode stürzten. Generell beschäftigen mich Einsätze für schwer verunfallte Bergsportler, da ich mich in meiner Freizeit selber gerne in den Bergen aufhalte. Persönlich nahe gehen mir immer auch Einsätze mit schwer verletzten oder erkrankten Kindern sowie Einsätze, bei denen der ­Pa­tient zu Beginn eines Einsatzes noch Lebenszeichen hat und im Verlauf der Rettung verstirbt. Solche schlimmen Erlebnisse besprechen wir direkt nach dem Einsatz immer zuerst im Team. Zudem haben wir die Möglichkeit, intern auf die professionelle Hilfe des Rega-Betreuungs- und -Sozialdienstes zurückzugreifen.

Hat die Rega Schwierigkeiten, Nachwuchs an Rega-Ärzten zu rekrutieren, oder übersteigt die Nachfrage das Stellenangebot?

TvW: Die Nachfrage ist sehr gross. Offenbar übt die Notfallmedizin und im Besonderen die Helikopter-Luft­rettung auf junge Kollegen nach wie vor eine grosse Faszination aus. Die Ärzte kommen nach erfolgreicher Selektion im Normalfall für sechs bis neun Monate als Notarzt auf eine Rega-Basis. Auch nach einer solchen «Rotation», wie wir es nennen, werden wir jeweils fast überrollt von Anfragen, noch weiter als Freelance-Notarzt bei der Rega arbeiten zu dürfen. Das freut uns sehr und zeigt, dass unser Modell funktioniert.

Was ist das Wichtigste bei Ihrer Arbeit, das Sie gerne einem breiten Publikum vermitteln wollen?

TvW: Die Arbeit bei der Rega erlebe ich als absolut professionell. Auch Crews, die nicht häufig zusammenarbeiten, funktionieren aufgrund der Vereinheitlichung des Materials, der standardisierten Abläufe und der gemeinsamen Aus- und Weiterbildungen reibungslos. Wir helfen Menschen in Not, aber immer mit dem Grundsatz, dass unsere eigene Sicherheit vorgeht. Unsere Rettungen wirken auf den Laien manchmal sehr spektakulär, dabei gehen wir aber nie unnötige Risiken ein. Ich freue mich sehr, dass wir mit der DOK-Serie von SRF nun einem breiten Publikum einen Einblick in unsere tägliche Arbeit ermöglichen können. Denn letztlich existiert die Rega nur dank der Unterstützung ihrer 3,3 Millionen Gönnerinnen und Gönner – und nun können wir diese während fünf Folgen auf Einsätze «mitnehmen» und sie über unsere Schultern ­blicken lassen.

Adresse de correspondance

Dr. med. Nadja Pecinska
EMH Schweizerischer
Ärzteverlag AG
Farnsburgerstrasse 8
CH-4132 Muttenz

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