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Wenn die Welt eines Arztes ins Wanken gerät

Filmbesprechung

DOI: https://doi.org/10.4414/phc-f.2019.10117
Date de publication: 31.07.2019
Prim Hosp Care Med Int Gen. 2019;19(08):

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«L’ordre des médecins» ab dem 8. ­August 2019 in den ­Deutsch­schweizer Kinos

Simon (Jérémie Renier) ist ein junger, aufstrebender Arzt, den nichts aus der Ruhe bringt. Mit viel Engagement und Professionalität geht er seiner Arbeit als Pneumologe nach. Durch seine jahrelange Arbeit im Spital hat er gelernt, mit Krankheit und Tod umzugehen und sich emotional abzugrenzen.

Doch als seine Mutter (Marthe Keller) ins Spital eingeliefert wird, prallen private und berufliche Welt ungewollt aufeinander. Simons ideales Berufsbild gerät ins Wanken. Um seine Mutter zu retten, überschreitet er nicht nur persönliche Grenzen, sondern auch seine ärztlichen Kompetenzen.

Interview mit dem Regisseur von «L’ordre des médecins» David Roux

«L’ordre des médecins» beginnt mit einer Szene, die uns unmittelbar in dieAlltagsrealität des Spitals eintauchen lässt …

Diese erste Einstellung mit fixer Kamera, habe ich mir als eine Art thematischen Prolog gedacht, in welchem sich die Realität der Spitalwelt auf eine sehr direkte und sehr prosaische Weise aufdrängt: Das Krankenhaus ist ein Universum, in welchem der Tod eine alltägliche Angelegenheit ist. Ich komme aus einer Ärztefamilie, und wenn ich als Kind ins Spital ging, war das im Gegensatz zu den meisten Menschen ein vertrauter und sehr warmer Ort. Diese Empfindung ist der Ursprung dieses Films.

Sehr bald schon schleicht sich das Intime in die Spitalrealitäten ein, das dessen Distanziertheit aufbricht und Simons Professionalität ins Wanken bringt …

Der Film ist sehr direkt von der Zeit inspiriert, als meine Mutter krank war. Gewisse ganz konkrete Momente haben sich entscheidend auf die Entwicklung des Projektes ausgewirkt. Zum Beispiel als unsere eigene Mutter in einem kritischen Zustand ins Spital eingeliefert wurde, und mein Bruder einer Patientin in etwa ihrem Alter einen Krebsbefund mitteilen musste. Obwohl er das bis anhin alle Tage gemacht hatte, war es in dieser Situation mit unserer kranken Mutter für ihn plötzlich nicht mehr dasselbe. In diesem Zusammenstoss von Professionellem und Persönlichem lag etwas Abgründiges. Ich habe mir gesagt, dass das vielleicht der Stoff für einen Film sein könnte. Aber mit Schreiben im eigentlichen Sinne habe ich erst zwei Jahre später begonnen.

Weshalb haben Sie sich für einen direkten, frontalen Zugang entschieden?

Sobald klar war, dass ich über den Tod meiner Mutter schreiben musste, konnte ich schliesslich all das sehr persönliche Material in den Film aufnehmen. Endlich konnte ich meine Mutter, meinen Bruder und viele Details meines Umfelds schrittweise in das Drehbuch einfügen. Auf eine sehr natürliche und vergnügliche Weise. Ich habe heute den Eindruck, dass «l’ordre des médecins» weniger ein Film über das Spital, sondern mehr ein Film über die Familie geworden ist.

Wie haben Sie die Fiktionalisierung des autobiografischen Materials bewältigt?

«L’ordre des médecins» ist ja direkt von meinem Bruder inspiriert. Wenn er übrigens das Drehbuch nicht gutgeheissen hätte, hätte ich das Projekt fallengelassen. Doch es gibt selbstverständlich viele Dinge, die er nicht so wie Simon erlebt hat. Ich habe auf diese Figur offensichtlich viele meiner eigenen Gefühle, meine eigene Machtlosigkeit in Bezug auf die Krankheit meiner Mutter projiziert. Die Fiktion hat sehr schnell die Oberhand gewonnen: Die Figur des Vaters beispielsweise, der etwas ver­loren und verängstigt ist, entspricht überhaupt nicht der Realität. Mein Vater, der ebenfalls Arzt ist, hat alles gewusst und alles verstanden.

Der Film ist sehr ergreifend, aber man fühlt sich nicht von einer autobiographischen Dringlichkeit erdrückt …

Beim Schreiben, später beim Dreh und während des Schnitts habe ich mir oft die Frage nach Distanz und Diskretion gestellt. Die ­Geschichte greift zwar auf sehr persönliche Erfahrungen zurück, doch wirft sie Fragen auf, mit denen wir alle früher oder später konfrontiert sind. Ich wollte, dass der Film die Entwicklung von Simon begleitet, dass das, was er durchmacht, eine beinahe metaphysische Dimension hat. Also mussten wir Dinge, die Simon selber nicht verstand, offenlassen und nicht zu klären versuchen. Ich wollte auch erkunden, was in den «aktionsarmen Momenten» passiert: entgegen dem Bild, das zahlreiche Kinofilme und Serien zeigen, besteht das Spitalleben aus enorm viel Warten und enorm wenig Heldentaten. Man erledigt viel Papierkram, durchquert lange Korridore, geht viel. Nüchterne Schwerstarbeit, die Beziehung zum Tod ist immer und überall, bis in die hinterste Ecke präsent.

Abgesehen von einigen Sequenzen bei Simon und bei seinen Eltern zuhause, spielt sich der Film im Wesentlichen im Spital ab.

Ich hatte von Anfang an die Vorstellung eines «huis clos» innerhalb dieses gigantischen, komplexen und unersättlichen Universum. Simon verbringt dort ungeheuer viel Zeit, die ihm wenig Raum für sein Privatleben lässt. Als nun aber seine Mutter krank wird, möchte er, dass all das, wofür er sich in den letzten 20 Jahren eingesetzt hat, einen Sinn macht. Seine Ohnmacht an eben diesem Ort zu erfahren, wo er alles investiert und seinen Platz gefunden hat, ist äusserst schmerzhaft für ihn. Er fühlt sich total verloren.

Zur Person

David Roux wurde 1977 in Paris geboren. Während 15 Jahren war er als Theaterkritiker tätig, hat als Regieassistent und Literaturmanager in einer Film­entwicklungs-Firma gewirkt, bevor er zum Ver­fassen von Drehbüchern und Realisieren von Kurzfilmen («Leur jeunesse» 2012, «Répétitions» 2014) übergegangen ist. «L’ordre des médecins» ist sein erster Langspielfilm.

Gewinnen Sie Kinoeintritte für «L’ordre des médecins»

Für den Film «L’ordre des médecins» verlost Primary and Hospital Care 6 × 1 Gratiseintritt. Die Karten sind an allen Schweizer Kinokassen einlösbar. Um an der Verlosung teilzunehmen, senden Sie eine Postkarte mit dem Hinweis «Filmtickets» und Ihrer Adresse bis zum 5. August 2019 (Datum des Poststempels) an:

Primary and Hospital Care

«Filmtickets»

EMH Schweizerischer Ärzteverlag AG

Farnsburgerstrasse 8

4132 Muttenz

Die Gewinner/-innen werden ausgelost.

Crédits

Image d'en-tête: cineworx

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