access_time Publié 24.05.2017

«Being an Example»

Dr. med. Rommel Jadaan

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«Being an Example»

24.05.2017

Warum ein «Vorbild sein» die beste Einführung, Fortbildung und Weiterbildung für junge Ärzte ist

Es ist der 1. Mai 2017. Vor knapp mehr als einem halben Jahr, im Oktober 2016, war ich noch auf der SR 348, die Strada Regionale, die Castelfranco mit Valdobbiadene in der Provinz Treviso - Region Venezien, mit dem Notarztwagen 921 unterwegs, auf dem Weg Menschenleben zu retten. Zwölf Jahre lang habe ich die von mir geliebte Tätigkeit als Notarzt und Rettungsmediziner in verschiedenen Ländern auf der Welt ausgeübt. Als aktiver Notarzt in Individualnotfällen oder Leitender Notarzt (LNA) im Massenanfall von Verletzen, habe ich Noteinsätze mit meinen Teams in fast jeder Form durchgeführt: Idroambulanza (Wasserambulanz) in Venedig, Rettungshubschrauber, Notarztfahrzeuge, Rettungsmotoräder und Rettungswagen. Als Ausbilder und Rettungsakademieleiter habe ich die Ehre gehabt, viele junge Kolleginnen und Kollegen in die Notfallmedizin einzuführen und fort- als auch weiterzubilden.

Als Internist war ich auf verschiedenen internistischen Schwerpunktstationen tätig, als Notfallmediziner in vielen Zentralen  und nicht zentralen Notaufnahmen (Notfallstationen). Und ehrlich gesagt, ich hatte mir nie vorgestellt, in einer anderen Richtung arbeiten zu wollen. Und dennoch … nach 17 Jahren hauptsächlich Notfall und Innere Medizin kam die Überraschung, und dass durch einen «Hausarzt».

Es war im Dezember 2016, kurz vor Weihnachten, ich hatte mich bei einer Gruppenpraxis beworben, als Hausarzt: Ja Sie haben richtig gelesen: als Hausarzt! Ein vollblut invasiver präklinischer Notfallmediziner bewirbt sich als Hausarzt. Von Thoraxdrainage legen bei einem eingeklemmten Verkehrsverunfallten zur otoskopischen Untersuchung eines Ohres … es war für mich irgendwie utopisch.

Und doch hat es ein Hausarzt geschafft, diese Utopie in eine pure Realität zu verwandeln - eine wunderschöne!

Heute sitze ich in meinem Sprechzimmer in dieser Gruppenpraxis, es ist Dienstschluss, und ich schmunzle über die typische Ironie des Schicksals: Ich habe mich noch nie so wohl gefühlt, und könnte mich mit keiner anderen ärztlichen Tätigkeit besser identifizieren als mit meiner jetzigen: Die hausärztliche Allgemein Innere Medizin … und das Dank diesem «Hausarzt».

Es geschah alles am Hospitationstag: Ein Arbeitstag der um 8 Uhr beginnt und um 17-18 Uhr endet. Der ärztliche Leiter lud mich zu einer Hospitation ein, von 8-12 Uhr (um 12 Uhr bat ich übrigens, ob ich noch bis am Abend bleiben dürfe!). Die Patienten stellten sich vor mit Rückenschmerzen, Druck auf dem rechten Ohr, Schwindel, für INR-Bestimmung, Befundbesprechung der Langzeitblutdruckmessung, Impfungen sowie psychosozialer Belastung, Knie verdreht beim Fussball spielen, 9-Jähriger von der Schaukel gefallen und jetzt Armweh, Schnupfen, in der 9. Woche schwanger mit Halsweh - alles, was so in der Hausarztpraxis alltäglich ist.

Im Grunde genommen hatte der ärztliche Leiter «einfach» nur seine Sprechstunde «ganz normal» durchgeführt. Nach jedem einzelnen Patientengespräch wuchs mein Interesse in die Hausarztmedizin, und meine tiefste seelische Leidenschaft für die Medizin allgemein ist mit jeder einzelnen Konsultation des Kollegen immer mehr aufgeflammt … Jede einzelne Konsultation die dieser Kollege durchführte, erinnerte mich an das, was ich in den ersten Semestern im Studium lernte: Ethik, Professionalität,  an den Hippokratischen Eid und daran, «warum wir eigentlich diesen Beruf ausgewählt haben». Alles Gedanken und Gefühle, die in Jahren des stressigen Klinikalltags leider sehr gefährdet sind verloren zu gehen … Und auf einmal fühlte ich, wie sie «wirklich» noch existieren und gepflegt werden, und zwar durch diese Person, die «simply» seine Arbeit macht - VORBILDLICH!

Am Abend nach der Hospitation kontaktierte ich mein Vater, er ist selber Gastroenterologe und Leiter einer gastroenterologischen Abteilung und hepatologischen Praxis, und teilte ihm mit wie ich mich  - unerwarteter Weise - unglaublich verliebt hatte in das Fach der Hausarztmedizin.

Eine Medizin die das «Gesamte» in einem Patienten sieht: Körper, Seele und das soziale Umfeld - ist dies denn auch die WHO-Definition der Gesundheit: «das körperliche, seelische und soziale Wohlbefinden»? Eine Medizin, die, in der heutigen Gesundheitsstruktur das «Gesamte» sehen muss. Eine Medizin, die als Brücke dient zwischen Prävention und Therapie: konservative und operative, schulmedizinische und komplementäre.

Der ärztliche Leiter dieser Gruppenpraxis, den ich in seinem Sprechstundenalltag an meinem Hospitationstag begleiten durfte, ist mittlerweile mein Vorgesetzter: Ja, Sie haben richtig gelesen: Mein Chef - und ich bin ihm so dankbar, dass er durch die Kombination seiner ärztlichen und menschlichen Qualitäten, nämlich Fachwissen, einen respektvollen Umgang,  Offenheit,  Empathie und vor allem Bescheidenheit, für mich das allerbeste «EINFÜHRUNGSSEMINAR» in die Hausarztmedizin war. Ich hätte in keinem Kurs, Fort- oder Weiterbildung, Workshop oder Kongress, Jour-fix oder Tutorial so viel Grundsätzliches verstanden, so tief mit dem Patienten und seinen Angehörigen mitgefühlt und so offen und transparent eine verantwortungsvolle Führungsfunktion erlebt wie an einem einzigen Tag, mit einem Arzt der einfach sich selbst war und «ALS BEISPIEL UND VORBLIDLICH» seine ärztliche Tätigkeit ausgeübt hat, und dies weiterhin jeden einzelnen Tag weiter tut: Vorbildlich!

Ich danke meinem Kollegen und ärztlichen Leiter, Dr. Svend Capol, für seinen wertvollen Einsatz in der Hausarztmedizin: Als Arzt und Ausbildner sowie für seinen fachlich professionellen und herzlichen Einsatz für sein Praxisteam, seine Patienten in Luzern und auf der Welt.

«Being the Exmaple»: how true!

 

Bildnachweis: © Jhdt Stock Images Llc | Dreamstime.com

Dr. med. Rommel Jadaan

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