access_time Publié 19.10.2017

Gegen alle Regeln; Eine Geschichte von Leben und Verlust

Florian Suter

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Gegen alle Regeln; Eine Geschichte von Leben und Verlust

19.10.2017

Ariel Levy

Den Hinweis auf dieses aussergewöhnliche Buch lese ich in einem – ebenso berührenden – Beitrag über die Autorin und das Werk im ZEIT Magazin 38/2017 vom 14. September 2017, der mich veranlasst, das Buch unverzüglich zu lesen. Und zwei Wochen später kann ich allen Lesebegierigen (und besonders den Ärzt/-innen darunter) nur dringend empfehlen, es mir gleich zu tun.

Ariel Levy wird 1974 als Einzelkind in der Nähe von New York City geboren; schon als Kind muss sie eher eine Aussenseiterin gewesen sein, ihre Umgebung bezeichnet vieles an ihr als too much. Sie arbeitet nach Schule und Universität als Journalistin beim New York Magazine, ehe sie vom renommierten New Yorker als Redakteurin angeheuert wird. 30-jährig verliebt sie sich in eine zehn Jahre ältere Frau, die sie heiratet. Das Paar übersteht vorerst auch ernsthafte Krisen im Rahmen der Alkoholabhängigkeit der Partnerin und als Levy fremdgeht (mit einer früheren Geliebten, die mittlerweile dank Geschlechtsumwandlung zu einem Mann geworden ist). In jener Zeit reift in ihr der Wunsch, Mutter zu werden. Sie lässt sich mit dem Samen eines guten Freundes befruchten und wird tatsächlich, mittlerweile 38-jährig, schwanger.

Das damals herrschende Zeitgefühl ist für die Autorin gekennzeichnet von einer längeren Phase der USA ohne Kriege und dem in jeder Hinsicht rasanten Technologiefortschritt – es entsteht bei sehr vielen, insbesondere den Angehörigen jener Generation, der Eindruck des "anything goes". Auf erschütternd offene, äusserst bewegende und niemals rührselige Art berichtet Ariel Levy, wie ihr Leben innert kurzer Zeit völlig aus den Fugen gerät. Sie reist, im fünften Monat schwanger, für eine Reportage in die Mongolei. Schon während der Reise bemerkt sie zunehmende Bauchbeschwerden, und in der mongolischen Hauptstadt Ulan-Bator kommt es in ihrem Hotelzimmer zur Fehlgeburt wegen einer Abruptio placentae. Vielleicht 10 Minuten hält sie ihren bei Geburt noch lebenden Sohn im Arm, ehe sie in eine Klinik gebracht wird. Wieder zurück in New York und überwältigt von einer heftigen, langen andauernden Trauerreaktion, muss sie erkennen, dass der Alkoholismus ihrer Partnerin alles andere als überwunden ist, weshalb auch ihre Ehe in Brüche geht und sie das geliebte, gemeinsam auf einer Insel vor Long Island bewohnte Haus verlassen muss.

Das Buch hat mich äusserst bewegt, vor allem wegen der unglaublichen Offenheit der Autorin. Und ich meine, dass gerade auch wir Ärzt/-innen, die in der Schulmedizin gross geworden sind, bei aller wohltuenden Skepsis, die wir genau dieser Schulmedizin entgegenbringen, uns in Ariel Levys erkennen können:

"My job is to interpret, and to communicate my interpretation persuasively to other people. The idea that in life, unlike in writing, the drive to analyze and influence might be something worth relinquishing was to me a revelation."

 

Ariel Levy
Gegen alle Regeln
Hardcover, Knaur HC 
21.08.2017, 240 S.
ISBN: 978-3-426-21430-5

Die Originalausgabe
Ariel Levy
The Rules Do Not Apply; a memoir
Hardcover
Published by Random House
Mar 14, 2017 | 224 Pages
ISBN 9780812996937


Florian Suter

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