access_time Publié 22.12.2017

Gesundheit 2050: Nicht alles glänzt!

Bernhard Sorg

Leserbriefe

Gesundheit 2050: Nicht alles glänzt!

22.12.2017

Leserbrief zu einem am 1.12.2017 in der NZZ erschienenen Artikel.

In der NZZ vom 1.12.2017 erschien ein Artikel, dessen Inhalt uns älteren Hausärzten schon länger Sorge bereitet, aber nie diskutiert worden ist. Wahrscheinlich will man sich nicht mehr exponieren oder Kraft aufwenden zu sagen was doch nicht zu ändern ist. Seit der Fusion von SGAM und SGIM ist der Hausarzt wörtlich zu einem "Allgemeininternisten" geworden und eben nicht ein "Allgemeinpraktiker" geblieben. Es wird den angehenden Kolleginnen und Kollegen ein Ausbildungs-Curriculum vorgeschrieben das nicht die Situation in der Hausarztpraxis widerspiegelt. Die obligatorische Ausbildung am Bewegungsapparat wurde einfach schlicht wegradiert. Keine Chirurgie, keine Traumatologie, keine Orthopädie, keine Rheumatologie wird verlangt, aber mindestens drei Jahre Innere Medizin. Auch eine Zusatzausbildung in Manueller Medizin wäre mehr als empfehlenswert. Und wie sieht der Alltag in einer durchschnittlichen Hausarztpraxis aus: Mindestens 33-66 Prozent der Konsultationen (je nach Lage bis zu 80%) erfolgen wegen eines Leidens am Bewegungsapparat. Aufsteigend von der Lumbalgie zum Nackenschmerz über die schmerzhafte Schulter wieder absteigend über Hüfte/Becken via Knie zu OSG und Fuss, ob unfallbedingt, entzündlich oder degenerativ. Wie soll sich der junge Arzt oder die junge Ärztin in diesem Dschungel zurechtfinden, wenn er/sie den Kompass nicht mitbekommen hat. Dass die SUVA (und die übrigen privaten UVG-Versicherer übrigens auch!) diese Insuffizienz unter den Leistungserbringern jetzt schon erkennt, bevor die junge Generation die alte Garde abgelöst hat, sollte nachdenklich stimmen. 

Ich begegne dieser Furcht Diagnosen zu stellen, Behandlungen einzuleiten ohne teuren apparativen Support bei vielen meiner Assistenten in der Praxis. Es herrscht eine grosse Unsicherheit. Die Beratung operatives versus konservatives Vorgehen wird an den Facharzt delegiert. Für eine abwartende-beobachtende Behandlung fehlt das Wissen. Dafür kennt man sich in exotischen Syndromen aus, denen man in einer 30-jährigen Praxiskarriere einmal bis gar nie begegnet. Die Zahl echter internistischer Knacknüsse liegt weit unter 10 Prozent. Durch eine breitere Ausbildung am Bewegungsapparat könnten wir nicht nur den Standard halten, den wir unseren Patienten in den Allgemein(internen) Praxen schuldig sind, sondern auch die Kosten für die Versicherungen senken (lange Arbeitsunfähigkeiten, teure Abklärungen, Spital-Überweisungen, unnötige operative Eingriffe, endlose Therapien). Der Novalgin-Dafalgan-Reflex (manchmal sogar noch mit PPI-Zusatz) genügt nicht zur effizienten Behandlung am Bewegungsapparat. Injektionstechniken sollten erlernt und durchgeführt werden, das Wissen der medikamentösen Möglichkeiten erweitert werden und schliesslich eine korrekte dem Berufsprofil angepasste Beurteilung der Arbeitsfähigkeit möglich sein. Zur vielgepriesenen Nachwuchsförderung gehört auch dazu, dass man den Nachwuchs darauf aufmerksam macht was auf ihn zukommt. Zum grossen Glück haben unsere Ausbildungs-Experten wenigstens ein Jahr Hausarzt-Assistenz als Ausbildung anerkannt. Es sollten deren zwei zu Beginn des Curriculums sein, dann wissen die Jungen was auf sie zukommen wird und warum sie welche Ausbildungsstätte auswählen, um später eine allen Qualitätskriterien und -prüfungen standhaltende Medizin zu betreiben.

Hier gelangen Sie zum NZZ-Artikel.

Dr. med. Bernhard Sorg, 1951, 33 Jahre Praxistätigkeit, Wallisellen, seit 2 Jahren FA AIM, statt nur FA AM.

Bernhard Sorg

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