access_time Publié 13.12.2017

Pharma-Feudalismus

Edy Riesen, Redaktor Primary and Hospital Care

Nachgedacht

Pharma-Feudalismus

13.12.2017

Gedanken während einer Velo-Tour entlang des Rhein-Radwegs.

Wir leben in unserer Region Nordwestschweiz zu einem guten Teil von der Pharmaindustrie.

Diese leistet Hervorragendes und bildet ein Eckpfeiler der modernen Medizin. Trotzdem stelle ich immer wieder besorgt fest, wie gross die Macht dieser Industrie sein kann. Der Roche-Turm dominiert Basels "Skyline", und wo früher die Münster, Kathedralen und Kirchen dem Volk klar machten, wo Gott hockt, setzen heute Firmen (natürlich auch Banken, Versicherungen, Maschinenindustrie etc.) ihre monumentalen Bauten in die Städte und ins Land. Früher waren die einzigen Konkurrenten der Herrscher die Geistlichen, und die konnten schon einmal einen König dazu bringen, auf den Knien rutschend um Vergebung und Freispruch von Sünde zu bitten. Heute können zwar gewählte Regierungen Einiges ausrichten, aber die Verwaltungsräte und CEOs der Grossindustrie, Banken und Versicherungen strahlen ein Selbstbewusstsein aus, das ohne Worte erklärt, wer Herr im Hause ist. Ein einziges Wort von einem drohenden Stellenabbau oder einer Verlegung der Forschung oder Fabrikation ins Ausland, löst Panik aus.  

Diese ganzen Geschichten gingen mir wieder einmal durch den Kopf, als meine Frau und ich auf unserer Fahrradtour von Holland in die Schweiz an den kilometerlangen Industrieanlagen der Chemie- und Pharmagiganten von Mannheim und Ludwigshafen vorbei radelten. Tramhaltestellen mit Firmennamen, hohe Drahtzäune, Sicherheitsleute, Tausende von Autos und Fahrrädern auf dem Areal, alles eher einem Hochsicherheitstrakt gleichend als einer "normalen" Fabrik. Ein hoch entwickelter Ameisenhaufen mit einer eigenen "Regierung", Regeln und internen Vorschriften. Ein Land im Land. Beispiel: Jeder Versuch im Labor der Forscher, genau protokolliert, bleibt geistiges Eigentum der Firma und nicht etwa des geistigen Urhebers. Bei Widerhandlung drakonische Strafen! Gedanken an eine moderne Leibeigenschaft kommen auf. Natürlich verdanken ganze Landstriche und Städte ihren Wohlstand dieser Industrie. Aber diese kleinen Königreiche verursachen auch eine gewisse Beklemmung. So ganz richtig unter demokratischer Kontrolle sind sie nicht. Und dass ab und zu etwas "in die Luft geht", verstärkt mein Unbehagen. 

Nach unserer Übernachtung im Zentrum von Mannheim, radelten wir am Morgen auf der Suche nach der Fortsetzung des Rheinfahrradweges am riesigen Komplex des Schlosses Mannheim vorbei auf die andere Seite des Rheins. Was für ein Monument! Eine 450 Meter lange Abwicklung von Gebäuden. Nach Versailles angeblich das grösste Barockschloss - und es musste unbedingt ein Fenster mehr haben als das französische Prunkschloss. Es war Sitz der Kurfürsten von der Pfalz im 18. Jahrhundert; pure, letztendlich unnütze Demonstration der Stärke und Überhöhung der eigenen Bedeutung. Feudalismus, den wir meinen, überwunden zu haben. Aber die Parallelen sind unübersehbar. Die Industriekapitäne, heute nicht mehr von Gottes sondern von Aktionärs Gnaden, übertreffen sich, wie die damaligen Fürsten, gegenseitig mit spektakulärer Architektur und Reichtum.  

 

Bildnachweis: © David Hajnal | Dreamstime

Edy Riesen

Redaktor Primary and Hospital Care

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