access_time Publié 23.07.2019

Reisen in Westafrika

Ursula Pecinska

Bibliothèque

Reisen in Westafrika

23.07.2019

Mary Henrietta Kingsley

Hier möchte ich ein Reisebuch empfehlen, geschrieben 1897, das mich sehr begeistert hat.
Mary Henrietta Kingsley (1862-1900) war eine Engländerin, unverheiratet, die alleine insgesamt drei Reisen ins westliche Afrika unternahm. Eine unerschrockene, mutige Frau, die allen Widerständen trotzte, die Begabung besass, auf die Einheimischen zuzugehen und sich von den Stammesfrauen und den Häuptlingen die Welt erklären liess. Sie beschrieb die Lebensweisen der Einheimischen, entdeckte für die Fachwelt gänzlich unbekannte Fischarten – zwei Fische tragen ihren Namen – und setzte sich gegen den Sklavenhandel und für die Rechte der afrikanischen Ureinwohner ein. Zurück in England verfasste sie kritische Artikel über die Kolonialpolitik, hielt Vorträge im ganzen Land – sie füllte Hallen mit bis zu 2000 Zuhörerinnen und Zuhörer – und schrieb zwei Bücher über ihre Reisen. 

Schon ihr Vater reiste durch den Südpazifik und durch Indianergebiete und war mehr ab- als anwesend. Mary Kingsley schrieb: "Ich war oft irritiert darüber, wie mein Vater seine Aufgabe, sich um Frau und Kinder zu kümmern, mit seiner fürchterlichen Gewohnheit vereinbarte, Grizzlybären in irgendwelchen Indianergebieten zu schiessen. Ich wusste als Kind nicht, wie und was man spielt, aber ich hatte eine grosse unterhaltsame Welt für mich allein. Das waren die Bücher in Vaters Bibliothek." 

Sie zog monatelang klaglos in einem langen wollenen Rock, schwarzer Bluse und mit einem Hütchen auf dem Kopf durch den Busch. Sie lernte Kanu zu fahren, kenterte mehrere Male – sehr zum Amüsement der am Ufer stehenden Einheimischen. Sie reiste auch durch die Stammesgebiete der Fangs, als Kannibalen gefürchtet – sie aber fürchtete sich nie. Sie überstand stoisch jede Expedition, und  nie, aber wirklich nie, verzichtete sie auf ihre Tasse Tee. An den unmöglichsten Orten: auf Sandbänken, mitten im Fluss im Kanu und in den Dörfern trank sie ihren Tee, der täglich von einem ihrer Begleiter zubereitet wurde. Auf einer Reise fiel sie in eine Grosswildfalle und lag auf vielen scharfen Spitzen: "Dies sind so die Momente, in denen man die Segnungen eines guten festen Rocks wirklich zu schätzen lernt." Als einer ihrer Begleiter ins Loch hinunter starrte und fragte "Du getötet", antwortete sie mit ihrem trockenen Humor: "Nicht sehr – Such eine Liane und zieh mich hinaus." 
 
Mary Kinsley untersuchte die Fauna und Flora, sammelte Fetische, Fische und anderes Getier für das Britische Museum, notierte sich die Bräuche der Urbevölkerung und die zahlreichen Geschichten über Zauberkräfte und Hexerei und lernte das Handelsenglisch, das damals auch von Einheimischen mit verschiedenen Muttersprachen gesprochen wurde. Sie äusserte sich kritisch gegenüber Missionaren, schlug sogar vor, Afrikaner nach England zu schicken, damit man dort von deren Lebensfreude profitieren könne. Ihre Aufzeichnungen sind mit Humor und Selbstironie gespickt. Ich musste mehr als einmal laut auflachen während der Lektüre dieses aussergewöhnlichen und spannenden Buches. 

Mary Kinsley schrieb "Das Schicksal liebt die Mutigen." Nach Lesen dieses Buches bin ich überzeugt, dass das Schicksal Mary Kinsley während ihrer drei Reisen durch Afrika sehr geliebt hat. Sie starb 1900 an Typhus in Südafrika während ihres Einsatzes als Krankenpflegerin.

 

Mary Henrietta Kingsley
Resien in Westafrika
Edition Erdmann - 7. Aufl. 2018
480 Seiten, Leinen mit Schutzumschlag, Lesebändchen, 13 x 21 cm.
Erschienen im Juni 2018
EAN: 978-3-86539-861-1

Ursula Pecinska

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