access_time Publié 18.10.2017

Schuld und Sühne

Edy Riesen, Redaktor Primary and Hospital Care

Nachgedacht

Schuld und Sühne

18.10.2017

Vorsorge als Heilsversprechung?

In allen Religionen ist die Frage nach Schuld und Sühne seit eh und je eine der wichtigsten! Immer ist jemand schuld. Wenn es aber früher der böse Landvogt, der Teufel oder die bösen Götter waren, hat der heutige Patient seine Last alleine zu tragen. Wir haben es fertig gebracht, den heutigen Menschen die Verantwortung für ihre Gesundheit auf die eigenen Schultern zu laden. Man könnte fast glauben, dass man bei der Befolgung aller guten Ideen der Vorsorge ewig leben würde. 

Ungesund und zufrieden

Gestern Abend kam Herr X. als Letzter in die Sprechstunde. Er war nie der Sportstyp, wenn man von seinen «Sitzungen» vor dem TV und im Stadion des FCB absieht. Dazu war er passionierter, tief inhalierender  Raucher! Er hat keine Chance gegen seine Sportsfrau, der er – obwohl leichtgewichtig – den Hang hinauf hinterher keucht. Aber er ist sonst ganz zufrieden mit seinem Leben und zudem ein friedliches, stilles Wasser, dem man gerne vis-à-vis sitzt. 

Wir atmeten beide auf. Das Resultat des CTs der Lunge ist gut, kein Tumor, den wir beide befürchteten, weil sich im Herbst nach einer Pneumonie ein Schatten nicht auflöste. Aber da ist doch ein Haar in der Suppe: Oberlappenemphysem. Wir googeln zusammen die Alveolen (Lungenbläschen), sehen auf dem Bildschirm, wie sie kaputt gehen, und bestaunen dann ein Lungen-CT mit markierten Emphysemblasen. «Verstehst du,», sage ich, «das machst du kaputt mit deinen Zigis, und es könnte, muss nicht, aber es könnte sein, dass du mit 70 Jahren mit einem Sauerstoffrucksack durch die Gegend schleichst. Willst du das?» Er ist ein bisschen geknickt, aber nur ein bisschen, denn er hat eigentlich sein Todesurteil erwartet und die Untersuchung in der Röhre erst nach den Festtagen durchführen lassen. Jetzt hat er nochmals einen unermesslichen Aufschub, und er wird es sich überlegen. Beim Arzt aber läuft im Innern die bekannte Szene ab. Ist dieser Mensch jetzt schuld an seinem Zustand, und wie viel soll er ihm aufbürden von der Schuld? Kein Zweifel, hier besteht ein Zusammenhang, die epidemiologischen Daten sind erdrückend. Andererseits gibt es uralte Raucher mit praktisch gesunder Lunge. Ist es also doch die Genetik? 

Die Menschen sind Originale

Meine Lektion hatte ich bei einem Gefässforscher gelernt. Auf meine Frage, warum es denn gesunde Betagte gebe mit hohen Cholesterinwerten, erklärte er mir, da seien eben noch ein Haufen unbekannte Schutzfaktoren im Spiel (was mich fast an Schutzheilige mahnte). Seitdem schaue ich mit einer Art Binokular auf die Menschen: Genetik und Umgebung, Verhalten und Schicksal? Die Menschen kommen auf die Welt mit einem kompletten Gensatz und setzen sich dann freiwillig oder unfreiwillig diversen Noxen aus. Einige baden die Krankheiten aus und bezahlen bitter dafür, andere kommen entgegen allen Regeln ungestraft davon. Zu letzteren gehört Billy Buser, bekannt als «B.B. King of Grill», ein Gorilla von Mensch, der in den Sommermonaten im Schrebergarten täglich im Wechsel Schweinehals und Würste grilliert, Chips knabbert, dazu literweise Bier konsumiert und der letzte Stumpenraucher Helvetiens ist. Er ist ein Sünder und lebt trotzdem prächtig mit seinen 77 Jahren. Er ist medizinisch nicht gesund, hat Diabetes, Hypertonie etc., aber subjektiv ist er bei bester Gesundheit. Hüft-Totalprothese rechts, Katarakt operiert, kaputter Rücken, alles halb so wichtig. Sein Motto: Gut geflickt ist besser als gesund gestorben. Er hat definitiv die Gemütslage eines satten Säuglings. Ja Donnerwetter, was soll ich als Arzt dazu sagen? 

Mit den Jahren bin ich nachdenklich geworden. Die Menschen sind nicht Partikel einer Statistik, sondern Originale, und viele passen nicht in die Vorstellung der hochgelehrten Epidemiologen und Biostatistiker. Ausserhalb des Mainstreams schwimmen die besonderen Exemplare im grossen Strom des Lebens. Darum habe ich es schon lange aufgegeben, mich zu wundern, wenn topgesunde Sportler im besten Alter plötzlich tot umfallen und – umgekehrt – multimorbide Patienten jenseits der achtzig weiterleben, leben und einfach nicht aufhören zu leben. Wenn aus einer gesunden Population zum Beispiel in den nächsten 10 Jahren 70 von 10 000 sterben und aus einer vergleichbaren Gruppe mit einem Risikofaktor 200 von 10 000, spricht man vom verdreifachten Risiko und unterschlägt dabei, dass auch mit schlechterem Risiko immer noch 9800 Menschen überleben! Das ist die Erklärung, weshalb viele Sünder unter uns leben dürfen. Viele von uns Ärzten begreifen eben immer noch nicht, wie man den Menschen ihr Risiko mitteilt. Wir sind nicht Polizisten und Richter, sondern Helfer, Aufklärer, Berater, Partner, manchmal durchaus auch faire Boxer, wenn Meinung hart gegen Meinung prallt. 

Nun werden Herr X. und ich also weiter zusammen kutschieren. Ich höre nicht auf, ihn mit allem Respekt vor seiner Autonomie zu informieren, Suggestionen zu setzen, zu verführen, zu überzeugen und vor allem geduldig zu warten auf den entscheidenden Moment, wo er die letzte Packung Zigaretten wegwirft. Und wenn er es nicht schafft, bleibt er für mich trotzdem mein geschätzter Nachbar und Mitmensch. Er ist mir lieber als manche Gesundbeter, die mir mit ihrem Getue zum Hals heraushängen und damit egomane, vorwurfsvolle Figuren abgeben, denen man es sowieso nie recht machen kann.

 

Diesen Artikel schrieb der Autor im Auftrag des Grosseltern-Magazins, das monatlich eine seiner Kolumnen publiziert www.grosseltern-magazin.ch. Die PHC-Redaktion dankt "Grosseltern" für die Erlaubnis, die Kolumnen auf dieser Website zu publizieren.

 

Bildnachweis: © Konstantin Kalachev | Dreamstime

Edy Riesen

Redaktor Primary and Hospital Care

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