access_time Publié 16.02.2018

Vom Ende der Einsamkeit

Ursula Pecinska

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Vom Ende der Einsamkeit

16.02.2018

Benedict Wells

Benedict Wells' Roman Vom Ende der Einsamkeit ist überraschend anders als die Selbstfindungsgeschichten von Jungautorinnen und -autoren. Er kommt ganz ohne Ego-Trip aus; klassisch erzählt Wells uns die Geschichte von drei Geschwistern, die nach dem Tod ihrer Eltern durch einen Autounfall in ein Internat gesteckt werden, wo jeder auf seine auf eigene Art und Weise versucht, mit dem Verlust der geliebten Eltern und ihrem Alltag im Internat umzugehen. Diese Familienkatastrophe wirft den Erzähler Jules und seine älteren Geschwister Marty und Liz aus ihrer glücklichen Kindheit.

Der Geschichte beginnt mit Jules Erwachen aus einem zweitägigen Koma nach einem Motorradunfall, seiner langsamen Bewusstwerdung, seinen Erinnerungen über das, was ihm wiederfahren ist. Er beginnt seine Erzählung mit dem Satz: "Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich".

Jules ist mit zehn Jahren der Jüngste der Drei, als seine Eltern sterben. Im Internat lernt er die eigenwillige Alva kennen, auch sie eine Waise, die ihm diese unglückliche Zeit durch ihre Freundschaft erträglich macht. Der Weg ins Erwachsenenleben der beiden jungen Menschen, die sich in der Jugendzeit gegenseitig Trost spenden, beschreibt Benedict Wells auf anrührende Weise. Mehr als ein Jahrzehnt später, als sie einander wieder treffen – Alva mittlerweile verheiratet mit einem alternden russischen Schriftsteller, Jules noch immer ein Verlorener auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, der sich gelangweilt als Mitarbeiter einer Musikfirma durch den Alltag schlängelt – erkennt er, dass er Alva all die Jahre vermisst hat. Es ist für beide ein spätes Erwachen und für eine kurze Zeit gelingt es ihnen, das Glück festzuhalten. 

Marty, der ältere Bruder, bringt es mit seiner Computerfirma zu einigem Wohlstand und Liz, die attraktive  Schwester, balanciert mit ihrer Angst ums Verlassen werden seit Jahren nahe am Abgrund. Die Geschwister, die eine tiefe Sehnsucht nach Beständigkeit eint, bleiben einander in guten wie in schlechten Zeiten innig zugetan.

Benedict Wells gelingt eine aussergewöhnlich liebevolle Zeichnung der Figuren, er schreibt unaufgeregt und mit Empathie. Die melancholische Erzählung behandelt die Themen Verlust und Einsamkeit und die Frage, was in einem Menschen unveränderlich ist. Ein wunderbares Buch!

 

 

Benedict Wells
Vom Ende der Einsamkeit
368 Seiten
Diogenes Verlag, 2016


Ursula Pecinska

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