access_time Publié 09.08.2017

Von der Magie und von Ritualen

Edy Riesen, Redaktor Primary and Hospital Care

Nachgedacht

Von der Magie und von Ritualen

09.08.2017

Haben in unserer Gesellschaft die Magie und die Rituale ausgedient?

In den Ländern Südamerikas spielt magisches Denken in der Volksmedizin eine grosse Rolle. Das ist jedem klar, der ein paar Jahre unter den Latinos gelebt hat. Im Volk ist das Geheimnisvolle stark präsent, aber auch Generäle, Präsidenten, Unternehmer und viele mehr werden in den ersten Lebensjahren mit Wärme und Inbrunst aufgezogen durch die Muchachas, die Mädchen vom Lande, die oft ausgebeutet werden, aber die Kinder trotz allem abgöttisch lieben. Dabei übertragen sie mit Gesang und Wort, Haltung und Handlungen, Gebeten und Ritualen eine ganze Welt voll Magie und Mystik auf die Säuglinge und Kleinkinder, die das wie Muttermilch aufsaugen. Einflüsse, die ein Individuum später höchstens verdrängen, aber nie mehr vergessen kann. 

Bei Krankheit werden sonst nüchterne Menschen zu Gebrauchsmystikern

Und bei uns? Haben in unserer europäischen nüchternen, aufgeklärten und stark säkularisierten Gesellschaft die Magie und die Rituale ausgedient? Nein. Undercover ist noch eine Menge davon vorhanden. Dabei spreche ich nicht von den Esoterikern und Gesundheitsaposteln, sondern von im Alltagsleben ganz rational denkenden und funktionierenden Menschen. Sobald die Krankheit wie ein ungebetener Gast ins Leben eines Menschen eintritt, verändern sich viele sonst nüchterne Patienten und werden zu kleinen Magiern oder mutieren gar zu Gebrauchsmystikern. Fast immer spielen Rituale eine wichtige Rolle. Als Hausarzt bekommt man einiges davon mit. 

Grog, Murmeltierfett und Schwitzkuren

Da ist der gute Bekannte P. aus dem Nachbardorf, der,  sobald er einen Ansatz einer Erkältung bemerkt, einen Grog und ein Aspirin® einnimmt, sich warm einhüllt und sich in seinen Kokon zurückzieht. Damit habe er schon manche Katastrophe abgewendet, er könne das beschwören. Der hünenhafte  M., ehemaliger  Leistungssportler, geht genau den umgekehrten Weg und nimmt in der gleichen Situation die Laufschuhe hervor. Er läuft sozusagen der Grippe davon, schwitzt sie aus, kommt bachnass nach Hause, geht sofort unter die Dusche und siehe da, auch er obsiegt. Murmeltierfett und «die Grüne» (Veterinärsalbe) sind gang und gäbe, Schwedentropfen und Bätziwasser Volksgut. Das Ehepaar N. kennt eine andere Strategie und kann im Winter nicht auf die wöchentliche Sauna verzichten, da es sonst dauernd erkältet sei. Die Menschen schwören auf ihren Tee, ihre Bachblüten-Hausapotheke, ihre Kügelchen, ihre Wickel. Eine wunderliche Welt von Befürchtungen und Ängsten, aber auch ein virtueller Raum voller Hoffnungen und Wünsche, voller Ideen und Rezepte, voller Eigen- und Unarten. 

Dankbar für die Phantasie der Patienten

Soll man sich nun lustig machen über all diese Rituale? Keinesfalls. Es ist doch genau das, was fehlt in unserem abgemessenen, zertifizierten und rational durchdachten Leben. Als Hausarzt muss ich doch dankbar sein für den phantasievollen Umgang mit der Abwehr von den Dämonen der Krankheit.  Als alter Fuchs könnte ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, viele Beispiele nennen, wo in der hehren Schulmedizin früher hochgerühmte Diagnostik und Behandlungen, Medikamente und Operationen im Verlauf der Jahre als unnütz oder sogar schädlich entlarvt wurden. Waren da nicht auch irrationale Momente dabei? Mindestens waren es Irrwege in einer Welt, wo nur die hochkarätigen Studien die Wahrheit für sich beanspruchen dürfen.
Wenn ich meine Kolleginnen und Kollegen gelegentlich lästern höre über die folkloristische Medizin, muss ich nur schmunzeln. Denn auch die Schulmedizin von heute kennt Rituale und Therapien, deren Wirkung keineswegs immer bewiesen ist. Meinen die lieben Ärzte wirklich, wir hätten das Magische und Mystische ganz hinter uns gelassen? Und sind wir so überzeugt, dass es nicht wirkt? Notabene: Fragen Sie ruhig einmal Ihre Hausärztin, ob sie nicht selbst Vitamine schluckt, ihrer Erkältung davon walkt und sich in die Thai-Massage begibt.  
Liebe Leserinnen und Leser, wickeln, tröpfeln, salben und schmieren sie ruhig weiter. Wichtig ist, dass es nicht schadet und dass Sie keinem Scharlatan auf den Leim kriechen. Dabei darf es durchaus auch lustvoll zugehen. Kasteien können Sie sich noch genug im Leben.

 

Diesen Artikel schrieb der Autor im Auftrag des Grosseltern-Magazins, das monatlich eine seiner Kolumnen publiziert www.grosseltern-magazin.ch. Die PHC-Redaktion dankt "Grosseltern" für die Erlaubnis, die Kolumnen auf dieser Website zu publizieren.

 

Bildnachweis: © Samiramay | Dreamstime

Edy Riesen

Redaktor Primary and Hospital Care

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