access_time Publié 22.07.2020

Wann sind wir wirklich zufrieden?

Prof. Dr. med. Stefan Neuner-Jehle, Chefredaktor

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Wann sind wir wirklich zufrieden?

22.07.2020

Martin Schröder

Wenn schon das Empfinden von Glück etwas Flüchtiges ist, folgt die zweitwichtigste Frage: Welche Lebensumstände sorgen für unsere Zufriedenheit? Dieses Buch präsentiert überraschende Antworten, und seine Lektüre wird Sie mit grosser Wahrscheinlichkeit zufriedener machen!

Martin Schröder, Soziologe in Marburg, kann bei seiner Forschung über Zufriedenheit auf eine Goldgrube zurückgreifen: Seit fast 40 Jahren wurden im Sozio-ökonomischen Panel (SOEP) insgesamt 84’954 Menschen rund 640’000mal zu ihren Lebensumständen befragt. Dazu die Schlüsselfrage, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind, auf einer Skala von 0 bis 10. Mit den Ergebnissen aus dieser gigantischen Datenmenge führt er uns Erstaunliches vor Augen. Gleich zu Beginn erklärt der Autor die Absicht seines Werkes: Es sei keineswegs ein weiterer Ratgeber, wie man sein Leben gestalten soll, sondern die Übersetzung wissenschaftlicher Daten in verständliche Sprache.

Das gelingt ihm hervorragend, in einem sehr gut leserlichen Stil und oft amüsant formuliert. So ganz nebenbei erklärt er statistische Begriffe wie Konfidenzintervall, Repräsentativität, Gruppenvergleiche, Korrigieren auf andere Einflussfaktoren und Fixed-Effects-Regression. Eine Stärke der Daten ist zum Beispiel, dass sie nicht nur Vergleiche zwischen Individuen, sondern auch den Einfluss von Ereignissen auf dieselbe Person abbilden können. Mit jeder weiteren kommentierten Grafik bringt der Autor dem Leser die Kunst des kritischen Denkens näher: sind die Zusammenhänge wirklich kausaler Natur, oder nur assoziativ? Zum Beispiel beim Thema Alkoholkonsum, welcher der Lebenszufriedenheit zumindest nicht zu schaden scheint: Wein und Sekt toppen Bier und Schnaps. Aber wer weiss, vielleicht deswegen, weil die Wein- und Sekt-Trinker öfters etwas zu feiern haben und deswegen zufriedener sind?

Natürlich dominieren in dem Buch soziologische Themen. Aber die sorgen für einige Überraschungen: Wussten Sie zum Beispiel, dass Geld nur zufrieden macht, wenn Sie mehr als andere verdienen, aber als Frau nur dann, wenn sie weniger als Ihr Mann verdienen? Oder dass eine Partnerschaft oder Ehe rund 12 Jahre Zufriedenheit bringt, dann aber – Überraschung! - ein «Gewöhnungseffekt» eintritt? Bei einer Trennung sind die Partner mehrere Jahre vor der Trennung am unzufriedensten. Kinder zu haben macht nur im ersten Lebensjahr der Kleinen zufriedener, und danach nur, wenn es nicht zu Einkommenseinbussen führt. Mehr als zwei Stunden Kinderzeit pro Wochentag macht Väter leicht unzufriedener. Überhaupt arbeiten Väter gerne länger ausser Haus – und die Mütter sind darüber zufriedener, als wenn die Väter mehr daheim wären…  Haben Sie auch lange Arbeitszeiten? Dann trösten Sie sich: Mehr als 2-3 Stunden Freizeit pro Tag bringt nicht mehr Zufriedenheit. Und mehr als eine Woche Ferien pro Jahr macht nur wenig zufriedener, und scheint sowieso nach einer Woche zurück an der Arbeit wieder verpufft … 

Der weitaus grösste Zufriedenheitsfaktor ist die Gesundheit. Fühlt sich eine Person so richtig ungesund, so schlägt das maximal auf ihre Zufriedenheit. Und entsprechend sinkt mit jedem Lebensjahr (ab 18) die Zufriedenheit leicht ab – ausser, wenn sich jemand weiterhin gesund fühlt, dann beginnt die Abnahme erst mit Mitte 70. Nicht überraschend: Übergewichtige sind unzufriedener als Normalgewichtige, aber wenn sie abnehmen, macht sie das noch unzufriedener! Sport bringt vor allem dann Zufriedenheit, wenn Sie Freude dran haben. Bei den Persönlichkeitsmerkmalen zeigt sich: Optimismus, Kontrollüberzeugung und Geselligkeit sind Zufriedenheitsbooster, Pessimismus und Einsamkeit Zufriedenheitskiller. Wer Ziele im Leben verfolgt, die anderen nicht schaden (sich also weniger kompetitiv zu anderen verhält), ist zufriedener. 

Das Buch endet mit einem buddhistischen Gedanken: Wer ständig der Zufriedenheit nachjagt, wird sie gerade nicht finden. Entspannen Sie sich also. 

 

Martin Schröder
Wann sind wir wirklich zufrieden?
288 Seiten. Ca. 24 CHF. 
C. Bertelsmann, München, 2. Auflage 2020.
ISBN 978-3-570-10405-7

Prof. Dr. med. Stefan Neuner-Jehle

Chefredaktor

Leiter Chronic Care, Institut für Hausarztmedizin Zürich

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