access_time veröffentlicht 29.04.2021

Auf diese Behandlungen und Tests sollten Hausärztinnen und Hausärzte verzichten

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Auf diese Behandlungen und Tests sollten Hausärztinnen und Hausärzte verzichten

29.04.2021

Medienmitteilung 28.04.2021

Es gibt Behandlungen und Tests, die für Patientinnen und Patienten keinen Mehr-wert bieten. Der Trägerverein «smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland» möchte diese medizinische Über- und Fehlversorgung bekämpfen. Deshalb sammelt sie aus allen Fachbereichen fünf medizinische Massnahmen, die in der Regel unnötig sind – sogenannte Top-5-Listen. Vitamin D-Messung, Eisensubstitution oder ausführliche Gesundheitschecks: Die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM), die grösste medizinische Fachgesellschaft der Schweiz, veröffentlicht nun eine zweite Liste für ambulant-tätige Allgemeininternisten mit diesen und weiteren Empfehlungen.

In der Schweiz werden gemäss Studien auch medizinische Behandlungen und Abklärungen durchgeführt, welche den Patientinnen und Patienten keinen Mehrwert bringen. Der Verein «smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland» kämpft gegen diesen Missstand, indem unnötige Behandlungen aus den verschiedenen medizinischen Fachgebieten veröffentlicht sowie Patientinnen und Patienten ermutigt werden, mit den Gesundheitsfachpersonen in einen Dialog zu treten. Dabei verfolgt smarter medicine den Grundsatz, dass eine Behandlung nur dann angewendet wird, wenn sie tatsächlich zur Gesundheit und zum Wohle der Patientinnen und Patienten beiträgt.

Internationales Problem der medizinischen Über- und Fehlversorgung

«smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland» knüpft an die erfolgreiche amerikanische und dann internationale Initiative «Choosing Wisely» an, welche zum Ziel hat, die offene Diskussion zwischen Ärzteschaft, den Patientinnen und Patienten sowie der Öffentlichkeit zu fördern. Das Problem der medizinischen Über- und Fehlversorgung ist aber kein Phänomen des US-Gesundheitswesens. Studien zeigen, dass auch in der Schweiz vor der Coronapandemie 20-30% der Interventionen nicht nötig waren. Seit 2017 setzt sich deshalb der Verein «smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland» für eine optimale Patientenversorgung nach dem Motto «weniger ist manchmal mehr» ein. Getragen wird er durch die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM), der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW), physioswiss, Schweizerischer Verband der Berufsorganisationen im Gesundheitswesen (svbg) sowie Konsumenten- und Patientenorganisationen.

Mangelnde Evidenz und/oder Nebenwirkungen

Seit Jahren nehmen die Messungen von Vitamin D zu. Nur bei wenigen Menschen liegt jedoch ein behandlungsbedürftiger Mangel vor, da die Vorteile einer zusätzlichen Vitamin- D-Zufuhr unklar sind. Auch die Substitution von Eisen bei normalem Hämoglobin und regelmässige, ausführliche Gesundheitschecks sind grundsätzlich unnötig. Die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) empfiehlt zudem, keine Magnetresonanztomographien (MRIs) bei Patientinnen und Patienten mit vorderen Knieschmerzen ohne Bewegungseinschränkung oder Gelenkserguss durchzuführen, da diese in der Regel keine zusätzliche Information liefern. Sie können hingegen harmlose altersgerechte Abnutzungen überbewerten lassen.

Wegen ihres wahrscheinlich geringen Nutzens und der Möglichkeit von Nebenwirkungen empfiehlt die SGAIM zuletzt bei Senioren über 75 Jahren ohne Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf den Beginn einer Therapie mit Statinen und deshalb auch auf eine Messung der Lipide im Blut zu verzichten. Wegen ihres wahrscheinlich geringen Nutzens und der Möglichkeit von Nebenwirkungen empfiehlt die SGAIM zudem, bei Senioren über 75 Jahren ohne Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf den Beginn einer Therapie mit Statinen zu verzichten. Bei Patientinnen und Patienten, welche aufgrund ihres Alters ohnehin nicht mit Statinen behandelt werden, ist auch die Messung ihrer Blutfettwerte unnötig. Bei Patientinnen und Patienten mit Herz-Kreislauf-Krankheiten und insbesondere nach Herzinfarkten sollte nach ausführlicher Information gemeinsam mit der Patientin oder dem Patienten entschieden werden, ob der Einsatz von Statinen gerechtfertigt ist.

Gemeinsam entscheiden

Dabei sind die obigen Empfehlungen als Leitlinien zu verstehen, die eine gemeinsame Entscheidungsfindung der Hausärztinnen und Hausärzte mit ihren Patientinnen und Patienten über das Vorgehen bewirken soll. Deshalb werden die Top-5-Listen in eine für Patientinnen und Patienten verständliche Sprache übersetzt und veröffentlicht. Zudem sollen sich Patientinnen und Patienten auf ein medizinisches Gespräch vorbereiten und beispielsweise Fragen zu den verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten, den Vor- und Nachteilen der empfohlenen Behandlung und deren Wahrscheinlichkeit stellen.


Zur Top-5-Liste: Die fünf Empfehlungen auf einen Blick

  1. Kein Testen und neu Behandeln von Dyslipidämien bei Personen über 75 Jahren in der Primärprävention.
  2. Kein MRI des Kniegelenks bei vorderen Knieschmerzen ohne Bewegungseinschränkung oder Gelenkserguss ohne vorherige adäquate konservative Behandlung.
  3. Keine Eisensubstitution bei asymptomatischen, nicht anämischen Patientinnen und keine Eiseninfusion ohne vorgängigen peroralen Therapieversuch (ausser bei Malabsorption).
  4. Keine Messung von 25(OH)-Vitamin D als Routine bei Personen ohne Risikofaktoren für einen Vitamin D-Mangel.
  5. Keine regelmässigen ausführlichen Gesundheitschecks bei asymptomatischen Personen.


Sie finden die ausführlichen Empfehlungen sowie die Literaturangaben unter www.smartermedicine.ch


Über «smarter medicine»

Der Trägerverein smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland ist im Juni 2017 gegründet worden. Neben SGAIM und SAMW sind auch der Schweizerische Verband der Berufsorganisationen im Gesundheitswesen (svbg), physioswiss, die Schweizerische Stiftung für Patientenschutz SPO sowie die Konsumentenorganisationen Stiftung für Konsumentenschutz (SKS), Fédération Romande des Consommateurs (FRC) und Associazione Consumatrici e Consumatori della Svizzera Italiana (acsi) als Mitglied dabei. Neben den Gründungsmitgliedern weisst smarter medicine mittlerweile 23 Partnerorganisationen aus.

Der Trägerverein verfolgt folgende Ziele:

  • Ausarbeitung und Publikation weiterer Top-5-Listen durch medizinische Fachgesellschaften und andere Organisationen fördern;
  • Die Verbindlichkeit der Empfehlungen erhöhen;
  • Andere Gesundheitsberufe aktiv einbeziehen und interprofessionelle Ansätze in Choosing Wisely zur Diskussion bringen;
  • Patient/innen und Versicherte für das Anliegen sensibilisieren und für den Dialog mit den Behandelnden zu befähigen;
  • Öffentliche Diskussion über Behandlungsqualität (Fehl- und Überversorgung) fördern;
  • Behandlungsqualität als Teil der medizinischen Weiter- und Fortbildung etablieren und verankern;
  • Unterstützung der Kampagne durch Politik und Behörden erreichen.

Den Gründungsmitgliedern des Trägervereins ist es sehr wichtig, dass der Verein smarter medicine nicht von der Gesundheitsökonomie vereinnahmt wird. Es geht darum, die Behandlungsqualität nach dem Motto «Weniger Medizin kann mehr sein» zu verbessern. Die damit einhergehende Kostenreduktion ist zwar wünschenswert, aber nicht das primäre Ziel.

Mehr Informationen zu «smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland» finden Sie unter dem Link www.smartermedicine.ch

Weitere Auskünfte

Dr. med. Lars Clarfeld, Geschäftsführer «smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland»,

Tel. 031 370 40 06, lars.clarfeldsgaim.ch

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