access_time veröffentlicht 08.10.2020

Mein Reifeprozess zum Hausarzt

Dr. med. Rommel Jadaan

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Mein Reifeprozess zum Hausarzt

08.10.2020

Zuerst war ich ein Arzt in Ausbildung mit dem Schwerpunkt Gastroenterologie und Palliativmedizin im Spital, dann Facharzt auf der interdisziplinären Notfallstation, dann Hubschrauber und boden- sowie wassergebundener Notarzt und leitender Notarzt bis hin zu jetzt: Jetzt bin ich ein Hausarzt.

Für mich persönlich waren die letzten 20 Jahre objektiv ausgedrückt eine Art «Transformation für mich persönlich aber eher ein «Reifeprozess» für mein gesamtes Arzt-Sein. (Ich benutze zwar die männliche Form jedoch sind selbstverständlich auch die weiblichen Kolleginnen und Patientinnen gemeint.) Als fachspezifischer Arzt auf einer Fachhabteilung in einem 900 Betten-Spital war ich in eine Welt versunken, in der ich immer tiefer, fokussierter eingetaucht bin; mein Wissen war stark fundiert durch Leitlinien und meine Handfertigkeiten wurden immer besser gestützt von einer immer moderneren Technologie. Es war wunderbar: ich fühlte mich sehr verbunden mit der Medizin, ich fühlte mich sehr fleissig, weil ich konkret eine Intervention durchführte, die zu einer Heilung führte oder Klärung brachte. Die Besuche auf den Kongressen waren so erfüllend und das Interesse sehr gross, um die letzten wissenschaftlichen Studien zu diskutieren und in Frage zu stellen sowie die Stände der Pharmafirmen zu besuchen, um mit den fachlich sehr starken Vertretern über Neuigkeiten und altbewährte Produkte zu sprechen.

In dieser Welt gab es reichlich «Zeit». Zeit, Entscheidungen zu treffen, Zeit, darüber zu sprechen und diskutieren, Zeit, sie zu widerrufen und Zeit, wiederum andere Entscheidungen zu treffen.
Dort war die Hierarchie klar: Es gab Chefärzte, Oberärzte, Fachärzte, Assistenzärzte, Pflegedienstleitung usw. Alle war klar geregelt: «wer macht was, wann, wie». Ob man das «warum» verstand, hing von der Bravour der Chefin oder des Chefs oder der Oberärzte ab. 

Als notfallorientierter Internist auf der interdisziplinären Notfallstation gab es nicht mehr soviel Zeit wie auf der Station; dort verlief das Management des Patienten zweistufig: Zuerst musste entschieden werden, ob der Patient ein «echter» Notfallpatient ist und eventuell in den Schockraum muss, oder ob er einfach nur eine «für ihn notfallmässige» Behandlung braucht: Dies galt auch bei dem Patienten, der von einem Kollegen Hausarzt zu weiterer Abklärung bzw. Mitbeurteilung eingewiesen wurde. 
Auf der Notfallstation wird die Abhängigkeit des Notfallstationsarztes von den Spezialisten der verschiedenen Disziplinen sehr eindeutig. Der Spielraum ist sehr eingeschränkt (vor allem wenn es sich nicht um einen Schockraum-Patienten handelt). Dennoch ist es eine Herausforderung, die fachliche Diversität, Checkliste und SOPs «aller verschiedenen Abteilungen» irgendwie zu kennen sowie den administrativen Druck eines Dauer-Betten-Mangels zu meistern. Man wird immer besser, und das Lernpotenzial von fachspezifischem medizinischen Wissen ist immens.

Dann kam eine besondere Zeit: 15 Jahre Tätigkeit als Boden-, Luft-, und wassergebundener (Idroambulanza in Venedig) Notarzt. Was für eine besondere Zeit! Eine Zeit in der es «keine Zeit gab». Innerhalb von fünf Sekunden wurden Anordnungen und Managementakzente gefragt und vom Team erwartet. Innerhalb weniger Sekunden wurden konkrete Entscheidungen über Tätigkeiten getroffen, die über Leben und Tod des Patienten entschieden. Es lief alles so schnell, es war alles so intensiv emotional (wie damals auf der Palliativstation). Es waren nie mehr als 30 Medikamente, die ich (dafür aber in- und auswendig) kennen musste, und das medizinische, diagnostische und therapeutische Prozedere war absolut klar und straight forward; medizinisch operativ-technisch gesehen einfach! Der Notfallrucksack und die Geräte waren klar, die Dosierungen und Handlungen über definierte Algorithmen geregelt. Dennoch war jeder einzelne Notfalleinsatz anders, weil die Menschen und deren Umgebung sowie deren Umstände in diesem Moment anders waren. Immer mehr rückte der Patient selbst «und seine Umgebung» in den Mittelpunkt meiner Gedanken: Das Andere «funktionierte» ja sowieso automatisch, gut!

Seit vier Jahren nun bin ich Hausarzt: Ich behandele Patienten mit Rückenschmerzen und Schnupfen; mach sogar SARS-CoV-2-Abstriche und führe Impfungen durch. Versuche Obstipationsursachen zu klären, schreibe Überweisungen an meine Kollegen der diversen Fachspezialitäten; fülle (sehr viele) Versicherungs-, IV- und SUVA-Berichte aus, schreibe Kostengutsprachen, stelle Verordnungen aus und beschäftige mich intensiv mit der Komplementärmedizin, damit meine Patienten so ganzheitlich wie möglich betreut werden können. Ab und zu, aber selten, gibt es sogar «echte» Notfälle in der Praxis, die Erinnerungen herbeirufen, die für mich viel Positives bedeuten.

Mir sind aber vor allem zwei Sachen aufgefallen als Hausarzt: ich habe deutlich «mehr Zeit», um Entscheidungen zu fällen, und etwas sehr Wichtiges: «Ich darf mir erlauben, sogar einmal etwas nicht direkt zu wissen». Zwar beruht mein ärztliches Handeln selbstverständlich auf sowohl Evidenzbasiertem als auch Smarter Medicine und EBM-Guidelines, aber sehr oft erfolgt mein Handeln und meine Entscheidungen eminencebasiert: Erlerntes von erfahreneren Kollegen.

Ich liebte jede dieser Etappen meiner ärztlichen Tätigkeit, trotz oder gerade wegen der so unglaublichen operativen Unterschieden, dennoch beeindruckte mich in diesem persönlichen Reifungsprozess, wie der Patient und sein Leben als Ganzes immer mehr  in den Mittelpunkt rückte. 

Als spontanes Beispiel fällt mir ein, wie in der Notfallmedizin das Wichtigste in der Anamnese vor dem Verabreichen eines Medikamentes ist (falls der Patient überhaupt ansprechbar und orientiert ist), ob Allergien bekannt sind. Auf der Abteilung kommt zu der Allergie hinzu, welche Medikamente er noch einnimmt wegen eventueller Interaktionen, und  welche Vor-OPs durchgeführt worden sind. Jetzt in der Hausarztpraxis ist auf einmal ALLES wichtig: Sein Beruf, die familiären Verhältnisse, der seelische Zustand bis hin zu seinen alltäglichen Aktivitäten, Hobbys und Pläne. Wie «kompletter» der Patient auf einmal wird!

An dieser Stelle erinnere ich mich, als aus der Universität frisch promovierter Doktor med., noch an meine ersten Patienten im Spital. Unsere erste Aufgabe war immer, den Patienten «aufzunehmen». 
Ich erinnere mich noch an den vier Seiten langen Anamnese- und Befundbogen, wo jede Frage und jeder Befund  sooner or later im Leben des Patienten eine Rolle spielen wird. 

Als Hausarzt habe ich das Gefühl, nach dieser langen Reise in viele Bereiche der Medizin wieder zurück - «back to the roots» of medicine - gefunden zu haben, was ich als einen Segen empfinde Einen Segen vor allem, weil ich weiss, dass alle diese anderen Kolleginnen und Kollegen aus jeder erwähnten Etappe meiner Tätigkeit, ob im Spital oder ausserhalb, mit mir und bei mir sind, um mich zu unterstützen, um auf den Patienten so eingehen zu dürfen, wie es sich für mich als Hausarzt gehört. 
Dafür danke ich Euch!

In diesem Kontext danke ich auch meinem Vater: Chefarzt einer gastroenterologischen Abteilung und meine Inspiration sowie Herrn Dr. Svend Capol, meinem Mentor und Beispiel in der Hausarztmedizin.

 

Bildnachweis: © Bestravelvideo .com | Dreamstime.com

Dr. med. Rommel Jadaan

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